WÄHRING – Die Kolumne

#05 – Währing im Fieber

„Das ist der dritte Weltkrieg, und Netflix senkt die Datenrate!“ Der Satz ist so absurd, dass ich auflachen will, doch die Frau hat Tränen in den Augen.

Vorschriftsmäßig getrennt gehen wir in der Hundezone auf und ab. Wir kennen uns, wie man sich eben kennt, wenn man sich mehrmals die Woche über den Weg läuft, kurz über Hunde plaudert und dann wieder aus dem jeweiligen Blickfeld verschwindet. Sie muss knapp über 40 Jahre alt sein, hat ein freundliches Gesicht und gehört zum angenehmen Teil der Hundezonenbesucher. Jetzt ist sie aufgelöst, panisch. Ihre Gedanken kreisen um das grauenhafte Ende der Menschheit, während ihr Hund stolz einen viel zu großen Ast im Maul hat. Nach einer halben Stunde hat sie sicher wieder einigermaßen beruhigt. Sie lächelt, bedankt sich, dass ich ihr zugehört haben und sie ihre Angst über mich ausschütten durfte.

Dabei hat der Tag so schön angefangen. Das Virus hat geschafft, was alle vernünftigen Argumente, Aufmärsche und wilde Aktionen nicht vermochten: Es ist endlich still. Kaum Autos sind unterwegs. Man kann den Gürtel bei Rot überqueren und wird das mit hoher Wahrscheinlichkeit überleben. Niemand verpestet mehr die Umwelt, um Smalltalk mit Kollegen oder eine Ayurveda-Kur zu machen. Ja, der Kongress der Sprachwissenschaftler, wie auch die Fachtagung der Scharfschützen und der Tennisballproduzenten wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Und kein Kreuzfahrtschiff verbrennt mehr das dreckigste verfügbare Öl, damit reiche Westler in der Karibik den Armen beim Getränke mixen zusehen können.

Klar, die Wirtschaft leidet und wer zum Beispiel gerade das Catering für Kongresse macht, steht vor der Pleite. Fast alle werden bluten und die Illusion, dass der Staat uns alle auffangen wird, ist genau das.

Und plötzlich höre ich die Diskussion: Das Durchschnittsalter der Toten in Italien liegt bei 78,5 Jahren, die normale Lebenserwartung bei 82. Warum soll die Wirtschaft eines Landes den Bach runter gehen, damit ein paar Oldies länger den Seniorenklub im Fernsehen schauen können?

Ja, wer viel hat, hat viel zu verlieren und Währing ist nun mal ein Bezirk mit überdurchschnittlichem Einkommen.

Bei den Italienern rächt es sich jetzt auch, dass die so viele Alte und so viel Sozialkontakt haben. Ein Standard-Poster beschwerte sich vor ein paar Tagen, dass dort oft mehrere Generationen unter einem Dach wohnen und ständig jemand zu Besuch kommt. Da haben wir in Österreich natürlich einen Vorteil. Wir leben bevorzugt in Ein-Personen-Haushalten und isolieren unsere Alten auch in normalen Zeiten.

An die Löwin muss ich denken. Die wird jetzt zu Hause hocken und vor lauter Langeweile wahrscheinlich zum dritten Mal ihre Vorhänge waschen. Löwin heißt sie, weil sie so eine Frisur hat. Die Dame ist ganz nahe an der statistischen Lebenserwartung und liebt ihren unmöglichen Job. Sechs Tage die Woche ist ihre Videothek geöffnet. Da steht sie dann von 15 bis 23 Uhr und wartet auf Kundschaft, die es seit Jahren nicht mehr gibt. Bis letzte Woche kam ich öfteres vorbei, kaufte eine Schokolade und plauderte mit ihr. Sie hat ihr ganzes Leben lang leidenschaftlich gerne gearbeitet und weigert sich, im Sommer ihre Videothek zu schließen. „Das mögen die Kunden nicht.“

Mag sein, dass die Videothek nie wieder aufsperrt. Für fast alle anderen, sieht es besser aus. Diese Krise ist überschaubar im Vergleich zu dem, was Währing schon erlebt hat. Wer mir nicht glaubt, soll sich schämen und ein paar Blumen am Pestkreuz Währinger Straße 109 hinlegen.

Die eigentliche Frage ist aber die: Was werden wir lernen?

Gestern stand ich Punkt 18:00 singend am offenen Fenster. Die Nachbarn über mir, die sich sonst ständig über meinen Hund beschweren, während ich immer ihre laute Waschmaschine kritisiere, haben das angestoßen. Gemeinsam sangen wir: „Que Sera, Sera…“

#04 – Die Geister von Währing

Bei mir ist ein Mann. Er ist vielleicht 70 Jahre alt. Etwas war mit seinem Herzen. Er hat getrunken. In einer Bar.“ Das englische Medium, ein Herr um die 60, sehr gepflegt, mit Anzug und rosa Krawatte, sieht ins Publikum. „Kann jemand etwas damit anfangen?“

In dem Saal des Kolpinghauses sitzen 19 Frauen und drei Männer. Der größte Teil der Besucher ist zwischen 50 und 70 Jahre alt. Ich bin da, weil ich oft am Schaukasten des Kolpinghauses vorbeigehe, und meine Frau sitzt neben mir, weil sie genauso neugierig ist. Im Schaukasten hing ein Plakat, dass ein Medium ankündigte. Medien sind Menschen, die von sich behaupten, mit Verstorbenen Kontakt aufnehmen zu können. In diesem Fall ist das angekündigte Medium ein Engländer, der für 10 Euro seine Künste vorführen möchte. Ein Schnäppchen, dachte ich.

Wir haben Glück. An dem Abend bekommen wir für 10 Euro nicht nur ein Medium sondern drei.

Der Ablauf ist immer gleich. Ein Medium tritt vor, konzentriert sich und nimmt Kontakt mit einem Geist auf, der rein zufällig im Raum herumschwirrt. Der Geist gibt sich zuerkennen und das Medium sagt dem Publikum, was es sieht.

Eben hat das englische Medium Kontakt mit dem Geist eines Trinkers, so um die 70, mit Herzproblemen aufgenommen. Wenn irgendwer im Publikum das Gefühl hat, so jemanden in der verstorbenen Bekanntschaft zu haben, hebt er oder sie die Hand.

Im Publikum sitzen, abgesehen von meiner Frau und mir, nur Menschen, die aus vielerlei Gründen mit Verstorbenen Kontakt aufnehmen wollen und daher auch bereit sind, jeden Strohhalm, der sich bietet, aufzunehmen. Und ein Mann um die 70, der zu viel getrunken hat, ist ein, statistisch gesehen, ganz dicker Strohhalm. Sofort heben zwei Damen die Hände und hoffen, dass der Engländer mit ihrem verstorbenen Vater in Verbindung getreten ist.

Der Engländer lächelt leicht, konzentriert sich: „Ja, ich sehe ihn in einer Bar. Kann es sein, dass diese Bar sogar ihm gehört hat?“

Die beiden Damen schütteln den Kopf. Nein. Ahso. Na dann war es eben nicht die Bar des Verstorbenen. „Aber er hat viel von den harten Getränken zu sich genommen.“

Eine Dame schüttelt den Kopf. „Nein, mein Vater hat immer nur Wein getrunken.“ Die zweite Dame ist sich zwar nicht sicher, was genau ihr Vater getrunken hat, freut sich aber, dass mit dem Ausscheiden der ersten Dame nur mehr sie und damit ihr verstorbener Vater als möglicher Geist in Frage kommt. Kann man sagen, dass das Trinken seine Gesundheit beeinflusst hat?“ Zustimmendes Nicken bei der Dame. Das Medium gibt noch ein paar Gemeinplätze betreffend ältere, trinkende Männer von sich, um dann punktgenau mit: „Er war nicht der beste Vater, der er hätte sein können. Stimmt das? zu landen. Die Frau ist sichtbar erleichtert und zufrieden. Der Vater hat auch eine Botschaft an sie, die er ihr aus dem Totenreich via Engländer mitgeben will. „Ich höre, er sagt mir, er will sich entschuldigen, dass er schwach war und dir nicht die Liebe gegeben hat, die du verdient hast.“

Das Publikum klatscht. Alle sind froh und einige im Publikum hoffen, dass auch ihre Geister sich melden werden, denn die Botschaft, mit der jeder Kontakt abzuschließen scheint, ist immer eine der Liebe und des Verzeihens. Es gibt unter den Geistern offenbar keine Arschlöcher.

Der Engländer steht in der Mitte der Bühne, strahlt. Der Mann versteht seine Show. Er ist charmant unterhaltend, weiß, was sein Publikum will, und kann liefern. Ich vermute, er war in diesem, oder einem früheren Leben, einmal ein sehr erfolgreicher Verkäufer von Gemüsereiben auf Jahrmärkten. Er sieht die Menschen, kann lesen, welches, der immer wiederkehrenden Schicksale, vor ihm sitzt.

Das zweite Medium, eine Österreicherin um die 40, scheint noch in Ausbildung zu sein. Sie sieht einen Geist, mit dem niemand im Publikum etwas zu tun haben will. Ganz kurz macht sich Panik auf der Showbühne breit, aber der Engländer, ganz Profi, springt ein und reklamiert den Geist für sich. Ja, das muss der Geist der Frau sein, bei der er aufgewachsen ist. Durchatmen bei der Österreicherin. Sie erzählt, was sie vom Geist vermittelt bekommt und auf jeden Heranwachsenden diesseits des Äquators passen würde. „Du hast es manchmal ein bisschen übertrieben.“ Der Engländer tätschelt seine rosa Krawatte, lächelt und nickt. Sollten Geister existieren, dann hat der Engländer jetzt ein Problem mit dem Geist seiner Mutter, die ihn wirklich aufgezogen hat und demnächst heimsuchen wird.

Wenig später fließen Tränen. Eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat, erhält die Botschaft, dass der Sohn sie noch immer liebt und sie bittet, nicht mehr traurig zu sein. Es würde ihm in der Geisterwelt gut gehen. Welche Botschaften haben sie dazu bewogen, zu glauben, dass ihr verstorbener Sohn via Medium zu ihr spricht? „Ich sehe einen jungen Mann, dem es schlecht geht. Fußball hat ihm sehr gefallen. Und mit den Mädchen, da ist es nicht immer so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hat.“

Die Mutter will glauben, dass das genau ihr Sohn ist. Der Sohn, den sie noch immer liebt, den sie nie, nie vergessen wird, der aus irgendeinem unerklärlichen Grund gelitten hat und vor ihr gestorben ist. Sie wischt sich die Tränen ab, lächelt, ist erleichtert.

Überwältigt ist auch eine junge Dame rechts neben mir. Die an Krebs verstorbene Freundin hat sich scheinbar bei ihr gemeldet. Tränen rollen der jungen Frau über die Wangen. Ihre Augen haben rote Ränder. Bewegt zwischen Leid und Freude sucht sie nach einem Taschentuch. Die Botschaft lautet, dass ihre Freundschaft, über alle Grenzen hinweg, bestehen bleiben wird.

Wer hier im Publikum sitzt, dessen Welt ist irgendwann für einen bestimmten Zeitraum aus den Fugen geraten. Es ist etwas passiert, das sich allen Erklärungen entzog, sinnlos erschien und einen unüberwindbaren Schmerz verursacht hat. Für 10 Euro gibt man sich der Illusion hin, dass es ein Pflaster für diese Wunde gibt. Es sind Steicheleinheiten für die Seele, die manchem helfen, das Erlebte zu verarbeiten.

Nach den zu früh Verstorbenen begibt sich das letzte Medium, ein Österreicher mit der Aura eines lieben Großvaters, wieder auf statistisch sicheres Terrain. „Ich sehe eine alte Frau, die ganz genau darauf schaut, wie sie das Haus verlässt. Kann jemand damit etwas anfangen? Bestürzt muss ich feststellen, dass meine Frau die Hand gehoben hat. Nachher wird sie behaupten, das nur aus Spaß getan zu haben. Die Botschaft der Großmutter an sie war: „Familie ist ganz wichtig.“

Damit ist der Abend zu Ende. Das Publikum ist zufrieden, die Medien ebenso. Wer Letztere als Scharlatane verurteilen will, soll das ruhig tun, aber das segensreiche Werk bitte bei den Kollegen aller in Währing ansässiger Kirchen fortsetzen. Sie alle sind Seelenstreichler, verkaufen Globuli gegen den Schmerz des Unverständlichen und trösten uns mit einem Gott, dessen Adresse zwar unbekannt ist, von dem wir aber genau wissen, dass er unendlich liebt und verzeiht.

Eines ist ganz sicher: Geister gibt es. Jeder von uns hat welche. Es sind unsere Lieben, unsere Träume, Ängste, Sehnsüchte, die uns begleiten, ein Teil von uns sind, so echt wie ein eingewachsener Zehnnagel. Nur diese Medien, die mit diesen Geistern reden können, die gibt es nicht. Das müssen wir schon selber tun.

#02 – Jenny

Jenny ist eine große, alte Hündin mit räudigem Fell, breiten schwarzen Ringen um die Augen und einer großen Schnauze. Der hintere Teil ihres Körpers scheint dem vorderen nur widerwillig zu folgen und wenn sie sich anschmiegt, knickt sie ein. Immer freundlich wedelnd, nie bellend, begrüßt sie jeden Passanten. Und Jenny wird geliebt, heiß, hingebungsvoll und unter Aufopferung beträchtlicher finanzieller Mittel. Nur nicht von mir und manch anderen im Umkreis von 100 Metern ihres Wohnorts.

Liebe ist schwer zu definieren und viele, die ohne Haustier leben, betrachten eine Beziehung zwischen Tier und Mensch als etwas Abartiges. Ich sehe das nicht so. Im Gegenteil: Ich wurde bereits von zwei Frauen verlassen, die mich zwar nicht mehr sehen wollten, aber beide baten, ich soll doch bitte eine Zeit lang auf ihre jeweilige Katze aufpassen. Eine rationale Reaktion auf diesen Wunsch wäre gewesen, den Damen zu sagen, sie sollen sich ihre Katzen sonstwo hinstecken. Was ich aber nicht tat.

Ich – ein deklarierter Hundefreund – nahm die Katzen bei mir auf, fütterte sie, pflegte sie, liebte sie. Diese Liebe wurde erwidert. Die eine Katze wich kaum von meiner Seite, schlief prinzipiell neben mir und pinkelte meinem WG-Kollegen ins Bett, wenn ich länger als zwei Stunden nicht zu Hause war. Der WG-Kollege war ein sehr netter Mensch und die WG eine Bruchbude. Noch heute wundere ich mich darüber, wie schamlos Vermieter Geld für etwas nehmen, vor dem sie selbst zurückschrecken würden. Wie auch immer: ein bißchen Katzenpisse fiel da nicht weiter auf, doch irgendwann hatte der Mitbewohner genug und zog aus. Die Geschichte mit Katze zwei, verlief anders, hatte aber ein ähnliches Ende: Tier und Mensch, verbunden in inniger Zuneigung.

Das muss nicht immer so sein, denn wie Tiere in der Stadt gehalten werden, führt trotz gesetzlicher Regelungen immer wieder zu Konflikten. Auch in Währing. Diesen Sommer eskalierte ein Streit betreffend die Verschmutzung eines Stiegenhauses in der Hockegasse. Schlussendlich hielt ein Herr dem Hundehalter eine Waffe an den Kopf. Erst das Eingreifen der Polizei konnte den Konflikt entschärfen. Ungefähr zur gleichen Zeit erzürnte die Bezirksvorsteherin einige Hundebesitzer, indem sie diese daran erinnerte, dass Hunde laut Gesetz eben nicht das Recht haben, auf die Rasenflächen des Schubertparks zu pinkeln. Der Grund, warum sich die Bezirksvorsteherin überhaupt zu Wort gemeldet hatte, war, dass sie einen Streit zwischen den Eltern der in der Wiese spielenden Kinder und den Hundebesitzern schlichten wollte.

Wie so oft ist das vorliegende Problem eines der Verteilung von Ressourcen. Wie gehen wir mit dem Platz, der zwischen den Häusern liegt, um? Wer darf dort was und wie machen? Zur Zeit ist es gesellschaftlich akzeptiert, dass Grünflächen geopfert und der Boden versiegelt wird, damit tonnenschwere Blechdosen ungestört die Luft verschmutzen können. Es ist aber verboten, einen 16 Kilo schweren Hund in die Parkwiese pinkeln zu lassen.

Die Stadt tut viel, damit Hundekot nicht liegen bleibt. Allein in Währing wurden 89 Sackerlspender für die 1.394 registrierten Hunde des Bezirks aufgestellt. Wienweit verteilt die Stadt jährlich 22 Millionen Sackerln an 60.000 registrierte Hunde. Und wer schnell nachgerechnet hat, weiß, dass sich das nicht ausgehen kann.

Womit wir wieder bei Jenny wären. Ihr Besitzer, der Jenny liebt und nur mit ihr Tisch und Hundedecke teilt, behauptet steif und fest alles zu tun, um ihren Mist wegzuräumen. Faktum ist aber, dass sich Jenny auf einem Abschnitt der Straße vor unserem Haus frei bewegt. Sie ist nicht angeleint, schleppt sich wedelnd von Geschäftslokal zu Geschäftslokal und wird in manchen gefüttert. Irgendwann kommt das alles wieder heraus. Ohne Aufsicht.

Erst vor kurzem stand ich entnervt im Geschäftslokal des Hundehalters und meinte, dass es so nicht weiter gehen könne. Ich würde mir meine Umgebung nicht von seinem Hund zuscheißen lassen. Oft musste ich Jennys Hinterlassenschaften wegräumen, weil diese direkt vor meiner Haustür lagen und die Mitbewohner vielleicht annehmen, mein Hund hätte in den Eingang gekackt.

Der Mann, leicht übergewichtig, glatzköpfig, jenseits der 60zig, sah mich mit traurig, wässrigen Augen an und erzählte mir eine halbe Stunde lang von den schwierigen medizinischen Eingriffen, denen sich Jenny unterziehen musste. Diese hätten ihr das Leben gerettet, würden ihn aber in den finanziellen Ruin treiben. Wahl habe er trotzdem keine, denn ein Leben ohne Jenny wäre für ihn kaum vorstellbar.

Als er sah, dass mich seine Litanei nur mäßig beeindruckte, versuchte er es mit dem in den österreichischen Nationalfarben gehaltenen Problemlösungsklassiker. Er hielt mir zwei Weinflaschen hin und meinte: „Rot oder Weiß“? Ich drehte mich um und ging.

Zu Hause angekommen, türmten sich mehrere Fragen vor mir auf. Ist die Liebe eines einsamen Mannes zu seinem Hund höher zu bewerten als die Masse derer, die mit ihren Blechkisten die Straße vor unserem Haus in eine Asphaltwüste verwandeln? Und: Ist Alkohol in diesem Land ein echter Problemlöser oder macht er nur die Widersprüchlichkeiten des Alltags erträglich?

#01 – Bekannte Gesichter

Wer je am Land gewohnt hat, schätzt die Vorzüge, die ein Bezirk wie Währing bietet. Auch die Mischung aus Distanz und Nähe macht diesen Bezirk lebenswert. Kein Nachbar wird sich in das eigene Leben einmischen, doch wenn man hinausgeht, trifft man immer wieder Bekannte, mit denen man gerne plaudert.

Fundament dieses komfortablen Umstandes ist die Bevölkerungsdichte. In Währing teilen sich die rund 50.000 Einwohner 6,35 km². Das sind 7.874 Menschen pro Quadratkilometer. In einer durchschnittlichen österreichischen Gemeinde teilt man sich den Quadratkilometer nur mit 180 Personen, was so viel bedeutet, dass jeder jeden kennt. Verhalten, dass nicht der Norm entspricht, fällt in einem kleinen Ort auf und es besteht ein Rechtfertigungsdruck, dem nicht jeder gewachsen ist. Das erklärt die für eine Demokratie ungewöhnlichen Wahlergebnisse in manchen Orten. In Gramais in Tirol wohnen zum Beispiel nur 1,12 Personen pro km². Die ÖVP erhielt hier 95% der Stimmen.

In Währing kann man wählen, wen man will, bzw. muss keinen gesellschaftlichen Druck fürchten. Trotzdem gibt es Personen und Gesichter, die auffallen, weil sie aus den unterschiedlichsten Gründen nicht einer vorherrschenden Norm entsprechen.

Wer am Nachmittag auf der Währingerstraße entlang spaziert, trifft oft einen gemütlich schlendernden, zirka 65 Jahre alten Mann mittlerer Größe, der einen bestens sitzenden Anzug trägt, gut frisiert ist, die Hände meist am Rücken verschränkt hat und sehr auffallend lächelt. Sieht man ihn an, ist man nicht sicher, ob man wirklich von ihm angelächelt wird oder sein Mund nur permanent diese Position eingenommen hat. Ich habe jedenfalls noch nie beobachtet, dass er nicht lächeln würde. Jedes Mal freue ich mich, diesen Herren zu sehen und stelle mir vor, er wäre der Fahrer des Lancia Thesis, der oft auf der Währinger Straße parkt und in seiner Seltenheit ebenso auffällig ist.

Erst gestern ist mir wieder der blonde Mann um die 40 begegnet, der bei schnellem Hinsehen wegen seines, auch im Sommer getragenen Halstuchs als Aristokratenspross durchgehen würde. Ein genauerer Blick auf die kaputten Schuhe, die vor langer Zeit einmal teuer gewesen sein müssen und die konservative, aber zerschlissene Kleidung gibt mehr Rätsel auf, als gelöst werden.

Manchmal würde ich den einen oder anderen gerne ansprechen und seine Lebensumstände ergründen, aber ich unterlasse es, auch weil ich zu der Norm gehöre, die auf der Straße wenig lächelt, aber immer den Anschein erweckt, dringend irgendwohin gehen zu müssen.

Nicht zu übersehen war der Herr, der oft in Frauenkleidern durch Währing spazierte. Bunte Leggings waren seine Spezialität. Er hatte ein rundes Gesicht, kurze Haare und es bereitete ihm ganz offenbar Mühe, in Stöckelschuhen zu gehen. Insgesamt war sein Auftreten wenig feminin und niemand hätte vermutet, dass es ihm Spaß macht, so gesehen zu werden. Auf mich wirkte er immer wie ein Mann, der nach einem Faschingsfest mit Kopfschmerzen nach Hause kommt und noch keine Zeit hatte, zu duschen.

So oft bin ich ihm begegnet, dass ich begann, ihn mit einem fast unmerklichen Nicken zu grüßen. Warum weiß ich nicht. Es war mir irgendwie peinlich, ständig an jemandem vorbeizugehen und immer so tun zu müssen, als würde man sich nicht kennen.

Manchmal, wenn er nicht starr und stumm vormittags vor einem Bier in dem winzigen Lokal auf der Gentzgasse saß, hat der Mann in Frauenkleidern zurückgenickt. Ebenfalls kaum merklich, wie ein Agent in feindlicher Umgebung. Es war ein stilles Anerkennen der gegenseitigen Existenz. Mehr nicht.

Meine Tochter hat mich einmal gefragt, warum er Frauenkleider trägt, aber ich wusste keine Antwort. Ich weiß nicht, warum man ständig lächelt oder im Sommer ein Halstuch und Frauenkleider trägt. Aber weil ich in Währing wohne, in einem Ort, wo sich 7874 Personen einen Quadratkilometer teilen, grenze ich mich ab von den Schicksalen und Tragödien, die rund um einen stattfinden. Wenn man genau hinsieht, merkt man, dass es zu viele gibt und delegiert diese lieber an die zuständigen Stellen.

Einmal habe ich mich gefragt, ob ich dem gut aussehenden, zwei Meter großen, Hünen jenseits der 50, einem Ingenieur mit Eigentumswohnung hier im Haus, meine Hilfe anbieten soll. Ich sah ihn öfters betrunken die Stiegen hoch wanken, aber dieses eine Mal stand er lallend vor unserer Haustür, suchte seinen Schlüssel und pinkelte sich vor mir in die Hosen. Ein dunkler, nasser Fleck breitete sich langsam vom Schritt abwärts auf seiner eleganten Leinenhose aus, während er, an der Hauswand lehnend, seinen Schlüssel aus dem Sakko fischte. Erbarmungswürdig war sein Anblick, aber was genau hätte ich ihm anbieten können?

Wie wäre diese Begegnung verlaufen, hätte sie nicht in Wien-Währing sondern in dem Tiroler Bergdorf Gramais stattgefunden? Wären mir dort die richtigen Worte eingefallen oder hätte ich ihn dort auch seinem Schicksal überlassen?

Eines Morgens brannten plötzlich ein paar Grabkerzen am Eingang vor dem Wohnhaus des Mannes in Frauenkleidern. Tags zuvor hatte er sich umgebracht.