WÄHRING – Die Kolumne

#07 – Die Wahrheit ist eine Tochter der Kuhflade

6.7. – Wir coronaverschreckte Währinger werden drei Wochen lang auf 1400 Meter Seehöhe im abgelegenen Seitental des Seitentales urlauben. In dem Haus wurde mein Urgroßvater geboren. Strom gibt es, aber jede warme Dusche, jedes Nudelwasser muss mit einem Holzfeuer erzeugt werden. Mein Urgroßvater hat das Haus bald nach seiner Geburt verlassen.

Ich hasse lange Autofahrten. Menschen mit Phantasie gehören nicht auf Autobahnen. Wir sind auch die einzige Familie, die zwar mit Hund, aber ohne Klimaanlage unterwegs ist. Die gab es noch nicht, als unser Auto – eine Art TetraPak mit vier Rädern – produziert wurde. Im Auto hat es 35 Grad. Ich bin Schweiß gebadet und nicht ansprechbar. Der Hund hechelt mit einer, mir ungesund erscheinenden Frequenz.

500 Meter vor der Ortseinfahrt im Seitental des Seitentales beginnt es zu regnen und stark abzukühlen.

Die Nachbarn begrüßen uns. Wir zögern. Eine Nachbarin umarmt mich. Ich würde mich nicht umarmen, aber es tut gut. Corona ist hier anscheinend kein Thema.

7.7. Nur weil man sich wo befindet, bedeutet das noch nicht, dass man dort auch angekommen ist. Das mitgebrachte Modem streikt. Ich gehe, das Handy in die Höhe haltend, aufgeregt herum, will nicht vorhandene E-Mails checken und die immer gleich schlechten Nachrichten lesen. Die Einheimischen lachen, wenn ich den Namen meines Providers nenne.

10.7. Der Proberaum der örtlichen Musikkapelle, schräg gegenüber von unserem Haus, hat ein offenes WLAN. Mit einem Stricherl am Handy schlendere ich so unauffällig wie möglich vor dem Gebäude auf und ab und lese die Spam-E-Mails. (super günstiges Viagra, eine 300 Millionen-Erbschaft, etc…)

11.7. Meine Nachbarn rechts sind Bauern, mit denen links und denen vor uns bin ich verwandt. Meine Tochter hat das sofort ausgenützt, sich mit dem Nachbarmädchen verbündet und lädt sich dort Netflix-Filme herunter. Wir sehen sie kaum. Meine Frau will nur noch zeichnen, doch in der Stube ist es zu kalt. Endlich habe ich eine Aufgabe. Drei Wochen lang werde ich irgendeinen Ofen einheizen, Asche raus bringen und Holz hacken.

14.7. Abends bekämpfen wir unsere städtische Ruhelosigkeit mit Rotwein. Wir sitzen beschwipst am Balkon und versuchen, mit dem Gucker in fremde Schlafzimmer zu schauen. Nachdem das die Sportart der einheimischen Bevölkerung ist, haben alle Jalousien. Uns bleibt nur die Kuhweide auf dem, dem Haus gegenüberliegenden Hang. Wir starren abwechselnd mit dem Feldstecher hinüber. Irgendwann sagt meine Frau den denkwürdigen Satz: „Die Kuh geht nach rechts.“

15.7. Endlich sind wir auch psychisch im Seitental des Seitentales angekommen. Wir lesen, suchen Eierschwammerln und Heidelbeeren.

16.7. Haben den Nachbarn erklärt, dass wir alle Vegetarier sind und daher keine Tiere verspeisen. Die Nachbarn sind skeptisch. Auch keine Wurst? Ich bin stolz auf mich. Ich schlage keinem süßen Kalb den Schädel ein und kein freundlich quiekendes Ferkel muss sich vor mir fürchten. Bin ich Buddhist? Fühle ich mich moralisch überlegen?

17.7. Wir holen den, kurz mit uns urlaubenden Sohn vom Bahnhof ab. Er hat jetzt blondierte Haare, einen Schnurrbart und trägt südostasiatische Pluderhosen. Was werden die Nachbarn sagen?

Egal, ich brauche meinen Sohn ganz dringend für eine Wanderung. Ohne ihn fällt es mir schwer, meine Paranoia betreffend die, auf mich wartenden Gefahren, zu besiegen.

20.7. Komme morgens in die Küche und werde von einem Schwarm Fliegen begrüßt. Wie können aus zwei, drei Fliegen über Nacht 20 bis 30 werden? Muss den inneren Buddhisten kurz kalt stellen und richte mit der Fliegenklatsche ein Massaker an, das in die Geschichtsbücher der Fliegen eingehen wird, sollten sie jemals welche schreiben.

Anschließend gehen ich hinunter zum Mini-Spar und will außer den Semmeln auch Tofu kaufen. Mangels Nachfrage ist letzterer im Seitental des Seitentales nicht erhältlich. Am Weg nach Hause frage ich mich, wie viele Fliegen wohl einem Kalb oder einem süßen Ferkel entsprechen.

21.7. Der Sohn und ich fahren über die nahe Grenze nach Italien und stehen nach längerem steilen Fußmarsch vor einem atemberaubenden Gipfelpanorama. Seine blondierten Haare sind versteckt unter einer Mao-Mütze. Woher hat er dieses Gen für fehlgeleitete Garderobe-Entscheidungen?

22.7. Der Hund ist ein Problem. In der Stadt gibt es ein Sackerl für ein Gackerl. Hier nicht. Niemand hatte hier je einen Hund. Darf ich meinen slowakischen Tankstellen-Findelhund in die Wiese des Nachbarn scheißen lassen? Kühe dürfen hier alles, aber Hunde? Der Hund hat keine Hemmungen und scheißt auf den zu uns gehörenden Grünstreifen vor dem Haus. Alle meine mitgebrachten Sackerln sind gefüllt. Wo entsorgt man hier ein Plastiksackerl gefüllt mit Hundescheiße?

23.7. Die Frau des Nachbarn fragt mich, ob ich ihrem Mann beim Abladen des Heus helfen möchte. Obacht! Ungeübte Urlauber im Seitental des Seitentales könnten das als eine Art „Du-bist-jetzt-einer-von-uns“-Signal auffassen. Stimmt nicht. Wer immer hier einem Bauern bei irgendetwas hilft, ist zuallererst eine billige Arbeitskraft. Warum das Urlauber mit sich machen lassen, ist eines der großen, ungelösten Rätsel der Menschheit. Soll ich dem Nachbarn, den ich sehr mag, helfen? Ich habe meine Jugendjahre auf einem Bauernhof verbracht und kenne die Arbeit. Außerdem will ich dem Nachbarn zeigen, was für toller Bursch ich bin. Quasi einer von ihnen…

24.7. Meine Jugend ist lange her und mein Rücken ist ein einziger Muskelkater.

25.7. Wiener Gäste kommen und die Mutter der Kinder erklärt mir sofort, dass sie noch nie eine Fliege erschlagen hat. Ganz im Gegenteil: Zu Hause haben sie ihrer einzigen Fliege den Namen „Franz“ gegeben. Ich behaupte sofort, der Namen „Franz“ sei vollkommen unpassend für eine Fliege. Wenig später erwische ich sie – die Mutter – dabei, wie sie im Spar-Markt Fisch einkauft. Pharisäer!

26.7. Ich gehe mit einem Kübel voller Gackerlsackerln zum weit entlegenen Kinderspielplatz des Ortes und leere die Hundescheiße in den, nur dort vorhandenen, öffentlichen Mistkübel. Die einheimischen Kinder brauchen wegen der vielen Heuarbeit sowieso keinen Spielplatz und die Touristenkinder starren eh nur auf ihre Handys.

27.7. Mit den Gästen spielen wir jeden Abend Karten. Grandiose Stunden voller Gelächter und wilder Flüche. Nur noch meine Tochter braucht das Internet, um ihrer Freundin von gegenüber (Luftlinie – 30 Meter) Bescheid zu geben, dass sie jetzt zum Kartenspielen rüberkommen soll.

28.7. Abermals bittet die Frau des Nachbarbauern um meine Mithilfe. Es ist ein sonniger Tag. Jeder Einheimische, der sich aufrecht auf zwei Beinen halten kann, steht auf einem der steilen Hänge. Ich denke, dass meine Arbeitsleistung beim ersten Mal sehr beeindruckend war.

Wenig später stehe ich in dem Heustadel und mache alleine die Arbeit, die wir Tage zuvor zu Dritt erledigt haben. Schweiß rinnt mir aus allen nur möglichen Poren. Regelmäßig bringt der Nachbar neue Fuhren Heu und ich muss sie in den dafür vorgesehenen Platz schaufeln. Draußen auf der Wiese schwitzen alle anderen verfügbaren Arbeitskräfte inklusive Kinder und Greise.

Am Abend sind wir alle fix und fertig. Wir sitzen zusammen und trinken Bier. Mein Nachbar bedankt sich. Er zeigt mir seinen Arm und meint, dass er ihn wegen der vielen Arbeit kaum noch bewegen kann. Wir lachen und ich bin plötzlich sehr froh, hier nur Urlauber zu sein.

29.7. Eigentlich warten wir an dem Gasthaustisch auf eine Bekannte, doch plötzlich setzt sich der pensionierte Tierarzt zu uns. Das Problem ist kein kleines. Es wird sehr viel gedüngt im Dorf. Sechs Monate im Jahr stinkt es hier erbärmlich, weil irgendeiner der Bauern wieder seine Gülle über eine Wiese schüttet. Es gibt zu viel Gülle. Vor dreißig Jahren hatte eine Kuh rund 500 Kilo. Heute hat sie 700, frisst mehr Futter höherer Qualität und bewegt sich weniger. Klar, dass sie mehr scheißt und pinkelt. Der Tierarzt bestellt sich noch ein Bier und beginnt über sein Lieblingsthema zu referieren. Die Kuhflade ist ein wichtiger Indikator für den inneren Zustand der Kuh. Nicht zu hart, nicht zu weich soll sie sein. Derzeit sind die Fladen ja viel zu weich. Diese braune Suppe, die mit weiträumigen Spritzern auf die Wege klatscht, ist auf Dauer weder für die Milchleistung noch für den Wanderer von Vorteil.

30.7. Alle Gäste und der Sohn sind abgereist. Wir laden sämtliche Nachbarn zum Essen ein. Der Sparherd mit Holzfeuer ist eine Herausforderung, aber Chili ohne Carne werden wir schaffen. Sicherheitshalber kaufe ich viel Wein, Chips und Süßigkeiten ein.

Der Abend wird ein voller Erfolg. Die Nachbarn sind sehr freundlich und würgen meinen Gemüseeintopf herunter. Mit Fleisch hätte der auch nicht besser geschmeckt. Wir trinken viel, lachen und verspeisen gemeinsam Unmengen an Schokolade. Alle Kinder kommen vorbei. Ich habe noch nie so viele lachende Menschen in der Küche gesehen.

31.7. Großer Abschied. Viele Umarmungen. Die Nachbarin bringt uns noch Brot für zu Hause. Die Tochter und die Nachbarstochter fahren mit dem Zug. Meine Frau, der Hund und ich dürfen im nicht klimatisierten TetraPack heimwärts segeln. Es kommt, wie es kommen muss: nach kühlen Tagen strahlt die Sonne plötzlich unbarmherzig vom Himmel. Der Hund tut mir leid.

Irgendwann sind wir zu Hause, auch wenn mein Geist zwischen den Bergen, der Autobahn und der Baustelle am Matzleinsdorfer Platz hin und her pendelt. Ich sitze auf unserem staubigen Balkon, starre auf die Hauswand gegenüber und bin glücklich.

#06 – Was wir gelernt haben

Wer erwartet hat, dass dieses Virus unsere Währinger Welt drastisch verändern wird, wurde bitter enttäuscht. Der Weltuntergang ist abgesagt und Netflix hat mehr Abonnenten als zuvor. Was genau in den letzten Monaten geschehen ist, bzw. ob es uns dauerhaft verändert hat, wird man erst in Zukunft beurteilen können. Sicher ist nur: Vieles werden wir schnell wieder vergessen. Leider.

Mit dem Hund am Morgen die Straße zu überqueren, war ein Vergnügen. Jeder Tag war Sonntag und das hektische Hin-und-herblicken, ob auch sicher kein SUV die Gentzgasse entlang pflügt, konnte man sich sparen. Mehr noch: die wenigen Passanten auf der Straße schienen entspannter zu sein und tauschten unübliche Freundlichkeiten miteinander aus. An warmen Tagen trafen in den Parks Familien unterschiedlichster Schichten friedlich aufeinander. Begüterte, die die Innenräume ihrer Villen satt hatten, trafen auf Zuwandererfamilien aus Kleinwohnungen und bei den Tischtennistischen stand man Schlange.

Nachdem die Tonnen von Nudeln, die wir in unserer Panik gekauft hatten, verzehrt waren, stellten wir fest, dass eine Zeit kommen wird, in der man eine Badehose anziehen muss. Das erklärt den sprunghaften Anstieg von Läufern im Währinger Park, die vor der Pandemie sicher nie joggend unterwegs waren.

Fahrradfahren wurde für kurze Zeit auch für BMW-Fahrer zu einer gesellschaftlich akzeptierten Fortbewegungsart und die rumänische Altenpflegerin zur Heldin des Alltags. Nicht nach Anwälten und Wirschaftskapitänen rief man, nein, Spargelstecher wurden händeringend gesucht. Auch die in nobleren Kreisen beliebte Drohung: „Mein Sohn, wenn du zu blöd für die Matura bist, kommst du zum Spar hinter die Wursttheke!“, musste sich kein Kind mehr anhören. Vielmehr überlegte sich die eine oder andere Mama, ob nicht gerade diese Karriere besser zum Sprössling passen würde als die Ausbildung zum Unternehmensberater.

Kleinkünstler, Großmusiker, Waschmaschinenverkäufer und Besitzerinnen von Boutiquen für edle Handtaschen standen Hand-in-Hand vor Vater Staat, um sich 1000 Euro Überbrückungshilfe abzuholen. Totalausfall ist eben Totalausfall, meinten viele, egal ob man von der Hand im Mund oder vom selbst geschossenen Eigenjagd-Reh lebt.

Klar, es hat eben furchtbare wirtschaftliche Konsequenzen, wenn wir Schwein und Rind nur noch für den Hausgebrauch abschlachten lassen und den Rotwein vor der ZIB 1 leeren. Das dann eine Nation von Alpträumen geplagt wird, in denen Christa Kummer im tief ausgeschnittenen Tigerkostüm Tarek Leitner schnurrend durch die Haare fährt, ist nicht weiter verwunderlich.

Aber habt keine Angst, wir werden es vergessen. Anwälte werden wieder Anwälte sein und die Kinder der Zuwanderer wieder hinter der Wursttheke landen. Die Altenpflegerinnen werden wieder in Kleinbussen über die Grenze gekarrt und Wirtschaftskapitäne in Flugzeugen sitzen, die der Steuerzahler vor dem Absturz bewahrt.

In der Hundezone wurde bereits gemurrt, dass der Frühjahrskongress der Orthopäden in Grado dieses Jahr ausfallen wird und man die Sommersaison deshalb nicht wie üblich mit einem Aufenthalt in den Ville Bianchi wird beginnen können.

„Nebbich“, würde einer der Protagonisten in der von mir so geliebten Netflix-Serie „Shtisel“ sagen.

Bleiben werden ganz sicher nur zwei Dinge: Erstens die Gewissheit, dass das Match Wirtshaus gegen Kultur in diesem Land immer zugunsten des Schnitzels ausgehen wird und zweitens, dass wir uns nie, nie wieder über Asiaten mit Masken vor dem Gesicht lustig machen werden.

#05 – Währing im Fieber

„Das ist der dritte Weltkrieg, und Netflix senkt die Datenrate!“ Der Satz ist so absurd, dass ich auflachen will, doch die Frau hat Tränen in den Augen.

Vorschriftsmäßig getrennt gehen wir in der Hundezone auf und ab. Wir kennen uns, wie man sich eben kennt, wenn man sich mehrmals die Woche über den Weg läuft, kurz über Hunde plaudert und dann wieder aus dem jeweiligen Blickfeld verschwindet. Sie muss knapp über 40 Jahre alt sein, hat ein freundliches Gesicht und gehört zum angenehmen Teil der Hundezonenbesucher. Jetzt ist sie aufgelöst, panisch. Ihre Gedanken kreisen um das grauenhafte Ende der Menschheit, während ihr Hund stolz einen viel zu großen Ast im Maul hat. Nach einer halben Stunde hat sie sicher wieder einigermaßen beruhigt. Sie lächelt, bedankt sich, dass ich ihr zugehört haben und sie ihre Angst über mich ausschütten durfte.

Dabei hat der Tag so schön angefangen. Das Virus hat geschafft, was alle vernünftigen Argumente, Aufmärsche und wilde Aktionen nicht vermochten: Es ist endlich still. Kaum Autos sind unterwegs. Man kann den Gürtel bei Rot überqueren und wird das mit hoher Wahrscheinlichkeit überleben. Niemand verpestet mehr die Umwelt, um Smalltalk mit Kollegen oder eine Ayurveda-Kur zu machen. Ja, der Kongress der Sprachwissenschaftler, wie auch die Fachtagung der Scharfschützen und der Tennisballproduzenten wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Und kein Kreuzfahrtschiff verbrennt mehr das dreckigste verfügbare Öl, damit reiche Westler in der Karibik den Armen beim Getränke mixen zusehen können.

Klar, die Wirtschaft leidet und wer zum Beispiel gerade das Catering für Kongresse macht, steht vor der Pleite. Fast alle werden bluten und die Illusion, dass der Staat uns alle auffangen wird, ist genau das.

Und plötzlich höre ich die Diskussion: Das Durchschnittsalter der Toten in Italien liegt bei 78,5 Jahren, die normale Lebenserwartung bei 82. Warum soll die Wirtschaft eines Landes den Bach runter gehen, damit ein paar Oldies länger den Seniorenklub im Fernsehen schauen können?

Ja, wer viel hat, hat viel zu verlieren und Währing ist nun mal ein Bezirk mit überdurchschnittlichem Einkommen.

Bei den Italienern rächt es sich jetzt auch, dass die so viele Alte und so viel Sozialkontakt haben. Ein Standard-Poster beschwerte sich vor ein paar Tagen, dass dort oft mehrere Generationen unter einem Dach wohnen und ständig jemand zu Besuch kommt. Da haben wir in Österreich natürlich einen Vorteil. Wir leben bevorzugt in Ein-Personen-Haushalten und isolieren unsere Alten auch in normalen Zeiten.

An die Löwin muss ich denken. Die wird jetzt zu Hause hocken und vor lauter Langeweile wahrscheinlich zum dritten Mal ihre Vorhänge waschen. Löwin heißt sie, weil sie so eine Frisur hat. Die Dame ist ganz nahe an der statistischen Lebenserwartung und liebt ihren unmöglichen Job. Sechs Tage die Woche ist ihre Videothek geöffnet. Da steht sie dann von 15 bis 23 Uhr und wartet auf Kundschaft, die es seit Jahren nicht mehr gibt. Bis letzte Woche kam ich öfteres vorbei, kaufte eine Schokolade und plauderte mit ihr. Sie hat ihr ganzes Leben lang leidenschaftlich gerne gearbeitet und weigert sich, im Sommer ihre Videothek zu schließen. „Das mögen die Kunden nicht.“

Mag sein, dass die Videothek nie wieder aufsperrt. Für fast alle anderen, sieht es besser aus. Diese Krise ist überschaubar im Vergleich zu dem, was Währing schon erlebt hat. Wer mir nicht glaubt, soll sich schämen und ein paar Blumen am Pestkreuz Währinger Straße 109 hinlegen.

Die eigentliche Frage ist aber die: Was werden wir lernen?

Gestern stand ich Punkt 18:00 singend am offenen Fenster. Die Nachbarn über mir, die sich sonst ständig über meinen Hund beschweren, während ich immer ihre laute Waschmaschine kritisiere, haben das angestoßen. Gemeinsam sangen wir: „Que Sera, Sera…“

#04 – Die Geister von Währing

Bei mir ist ein Mann. Er ist vielleicht 70 Jahre alt. Etwas war mit seinem Herzen. Er hat getrunken. In einer Bar.“ Das englische Medium, ein Herr um die 60, sehr gepflegt, mit Anzug und rosa Krawatte, sieht ins Publikum. „Kann jemand etwas damit anfangen?“

In dem Saal des Kolpinghauses sitzen 19 Frauen und drei Männer. Der größte Teil der Besucher ist zwischen 50 und 70 Jahre alt. Ich bin da, weil ich oft am Schaukasten des Kolpinghauses vorbeigehe, und meine Frau sitzt neben mir, weil sie genauso neugierig ist. Im Schaukasten hing ein Plakat, dass ein Medium ankündigte. Medien sind Menschen, die von sich behaupten, mit Verstorbenen Kontakt aufnehmen zu können. In diesem Fall ist das angekündigte Medium ein Engländer, der für 10 Euro seine Künste vorführen möchte. Ein Schnäppchen, dachte ich.

Wir haben Glück. An dem Abend bekommen wir für 10 Euro nicht nur ein Medium sondern drei.

Der Ablauf ist immer gleich. Ein Medium tritt vor, konzentriert sich und nimmt Kontakt mit einem Geist auf, der rein zufällig im Raum herumschwirrt. Der Geist gibt sich zuerkennen und das Medium sagt dem Publikum, was es sieht.

Eben hat das englische Medium Kontakt mit dem Geist eines Trinkers, so um die 70, mit Herzproblemen aufgenommen. Wenn irgendwer im Publikum das Gefühl hat, so jemanden in der verstorbenen Bekanntschaft zu haben, hebt er oder sie die Hand.

Im Publikum sitzen, abgesehen von meiner Frau und mir, nur Menschen, die aus vielerlei Gründen mit Verstorbenen Kontakt aufnehmen wollen und daher auch bereit sind, jeden Strohhalm, der sich bietet, aufzunehmen. Und ein Mann um die 70, der zu viel getrunken hat, ist ein, statistisch gesehen, ganz dicker Strohhalm. Sofort heben zwei Damen die Hände und hoffen, dass der Engländer mit ihrem verstorbenen Vater in Verbindung getreten ist.

Der Engländer lächelt leicht, konzentriert sich: „Ja, ich sehe ihn in einer Bar. Kann es sein, dass diese Bar sogar ihm gehört hat?“

Die beiden Damen schütteln den Kopf. Nein. Ahso. Na dann war es eben nicht die Bar des Verstorbenen. „Aber er hat viel von den harten Getränken zu sich genommen.“

Eine Dame schüttelt den Kopf. „Nein, mein Vater hat immer nur Wein getrunken.“ Die zweite Dame ist sich zwar nicht sicher, was genau ihr Vater getrunken hat, freut sich aber, dass mit dem Ausscheiden der ersten Dame nur mehr sie und damit ihr verstorbener Vater als möglicher Geist in Frage kommt. Kann man sagen, dass das Trinken seine Gesundheit beeinflusst hat?“ Zustimmendes Nicken bei der Dame. Das Medium gibt noch ein paar Gemeinplätze betreffend ältere, trinkende Männer von sich, um dann punktgenau mit: „Er war nicht der beste Vater, der er hätte sein können. Stimmt das? zu landen. Die Frau ist sichtbar erleichtert und zufrieden. Der Vater hat auch eine Botschaft an sie, die er ihr aus dem Totenreich via Engländer mitgeben will. „Ich höre, er sagt mir, er will sich entschuldigen, dass er schwach war und dir nicht die Liebe gegeben hat, die du verdient hast.“

Das Publikum klatscht. Alle sind froh und einige im Publikum hoffen, dass auch ihre Geister sich melden werden, denn die Botschaft, mit der jeder Kontakt abzuschließen scheint, ist immer eine der Liebe und des Verzeihens. Es gibt unter den Geistern offenbar keine Arschlöcher.

Der Engländer steht in der Mitte der Bühne, strahlt. Der Mann versteht seine Show. Er ist charmant unterhaltend, weiß, was sein Publikum will, und kann liefern. Ich vermute, er war in diesem, oder einem früheren Leben, einmal ein sehr erfolgreicher Verkäufer von Gemüsereiben auf Jahrmärkten. Er sieht die Menschen, kann lesen, welches, der immer wiederkehrenden Schicksale, vor ihm sitzt.

Das zweite Medium, eine Österreicherin um die 40, scheint noch in Ausbildung zu sein. Sie sieht einen Geist, mit dem niemand im Publikum etwas zu tun haben will. Ganz kurz macht sich Panik auf der Showbühne breit, aber der Engländer, ganz Profi, springt ein und reklamiert den Geist für sich. Ja, das muss der Geist der Frau sein, bei der er aufgewachsen ist. Durchatmen bei der Österreicherin. Sie erzählt, was sie vom Geist vermittelt bekommt und auf jeden Heranwachsenden diesseits des Äquators passen würde. „Du hast es manchmal ein bisschen übertrieben.“ Der Engländer tätschelt seine rosa Krawatte, lächelt und nickt. Sollten Geister existieren, dann hat der Engländer jetzt ein Problem mit dem Geist seiner Mutter, die ihn wirklich aufgezogen hat und demnächst heimsuchen wird.

Wenig später fließen Tränen. Eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat, erhält die Botschaft, dass der Sohn sie noch immer liebt und sie bittet, nicht mehr traurig zu sein. Es würde ihm in der Geisterwelt gut gehen. Welche Botschaften haben sie dazu bewogen, zu glauben, dass ihr verstorbener Sohn via Medium zu ihr spricht? „Ich sehe einen jungen Mann, dem es schlecht geht. Fußball hat ihm sehr gefallen. Und mit den Mädchen, da ist es nicht immer so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hat.“

Die Mutter will glauben, dass das genau ihr Sohn ist. Der Sohn, den sie noch immer liebt, den sie nie, nie vergessen wird, der aus irgendeinem unerklärlichen Grund gelitten hat und vor ihr gestorben ist. Sie wischt sich die Tränen ab, lächelt, ist erleichtert.

Überwältigt ist auch eine junge Dame rechts neben mir. Die an Krebs verstorbene Freundin hat sich scheinbar bei ihr gemeldet. Tränen rollen der jungen Frau über die Wangen. Ihre Augen haben rote Ränder. Bewegt zwischen Leid und Freude sucht sie nach einem Taschentuch. Die Botschaft lautet, dass ihre Freundschaft, über alle Grenzen hinweg, bestehen bleiben wird.

Wer hier im Publikum sitzt, dessen Welt ist irgendwann für einen bestimmten Zeitraum aus den Fugen geraten. Es ist etwas passiert, das sich allen Erklärungen entzog, sinnlos erschien und einen unüberwindbaren Schmerz verursacht hat. Für 10 Euro gibt man sich der Illusion hin, dass es ein Pflaster für diese Wunde gibt. Es sind Steicheleinheiten für die Seele, die manchem helfen, das Erlebte zu verarbeiten.

Nach den zu früh Verstorbenen begibt sich das letzte Medium, ein Österreicher mit der Aura eines lieben Großvaters, wieder auf statistisch sicheres Terrain. „Ich sehe eine alte Frau, die ganz genau darauf schaut, wie sie das Haus verlässt. Kann jemand damit etwas anfangen? Bestürzt muss ich feststellen, dass meine Frau die Hand gehoben hat. Nachher wird sie behaupten, das nur aus Spaß getan zu haben. Die Botschaft der Großmutter an sie war: „Familie ist ganz wichtig.“

Damit ist der Abend zu Ende. Das Publikum ist zufrieden, die Medien ebenso. Wer Letztere als Scharlatane verurteilen will, soll das ruhig tun, aber das segensreiche Werk bitte bei den Kollegen aller in Währing ansässiger Kirchen fortsetzen. Sie alle sind Seelenstreichler, verkaufen Globuli gegen den Schmerz des Unverständlichen und trösten uns mit einem Gott, dessen Adresse zwar unbekannt ist, von dem wir aber genau wissen, dass er unendlich liebt und verzeiht.

Eines ist ganz sicher: Geister gibt es. Jeder von uns hat welche. Es sind unsere Lieben, unsere Träume, Ängste, Sehnsüchte, die uns begleiten, ein Teil von uns sind, so echt wie ein eingewachsener Zehnnagel. Nur diese Medien, die mit diesen Geistern reden können, die gibt es nicht. Das müssen wir schon selber tun.

#02 – Jenny

Jenny ist eine große, alte Hündin mit räudigem Fell, breiten schwarzen Ringen um die Augen und einer großen Schnauze. Der hintere Teil ihres Körpers scheint dem vorderen nur widerwillig zu folgen und wenn sie sich anschmiegt, knickt sie ein. Immer freundlich wedelnd, nie bellend, begrüßt sie jeden Passanten. Und Jenny wird geliebt, heiß, hingebungsvoll und unter Aufopferung beträchtlicher finanzieller Mittel. Nur nicht von mir und manch anderen im Umkreis von 100 Metern ihres Wohnorts.

Liebe ist schwer zu definieren und viele, die ohne Haustier leben, betrachten eine Beziehung zwischen Tier und Mensch als etwas Abartiges. Ich sehe das nicht so. Im Gegenteil: Ich wurde bereits von zwei Frauen verlassen, die mich zwar nicht mehr sehen wollten, aber beide baten, ich soll doch bitte eine Zeit lang auf ihre jeweilige Katze aufpassen. Eine rationale Reaktion auf diesen Wunsch wäre gewesen, den Damen zu sagen, sie sollen sich ihre Katzen sonstwo hinstecken. Was ich aber nicht tat.

Ich – ein deklarierter Hundefreund – nahm die Katzen bei mir auf, fütterte sie, pflegte sie, liebte sie. Diese Liebe wurde erwidert. Die eine Katze wich kaum von meiner Seite, schlief prinzipiell neben mir und pinkelte meinem WG-Kollegen ins Bett, wenn ich länger als zwei Stunden nicht zu Hause war. Der WG-Kollege war ein sehr netter Mensch und die WG eine Bruchbude. Noch heute wundere ich mich darüber, wie schamlos Vermieter Geld für etwas nehmen, vor dem sie selbst zurückschrecken würden. Wie auch immer: ein bißchen Katzenpisse fiel da nicht weiter auf, doch irgendwann hatte der Mitbewohner genug und zog aus. Die Geschichte mit Katze zwei, verlief anders, hatte aber ein ähnliches Ende: Tier und Mensch, verbunden in inniger Zuneigung.

Das muss nicht immer so sein, denn wie Tiere in der Stadt gehalten werden, führt trotz gesetzlicher Regelungen immer wieder zu Konflikten. Auch in Währing. Diesen Sommer eskalierte ein Streit betreffend die Verschmutzung eines Stiegenhauses in der Hockegasse. Schlussendlich hielt ein Herr dem Hundehalter eine Waffe an den Kopf. Erst das Eingreifen der Polizei konnte den Konflikt entschärfen. Ungefähr zur gleichen Zeit erzürnte die Bezirksvorsteherin einige Hundebesitzer, indem sie diese daran erinnerte, dass Hunde laut Gesetz eben nicht das Recht haben, auf die Rasenflächen des Schubertparks zu pinkeln. Der Grund, warum sich die Bezirksvorsteherin überhaupt zu Wort gemeldet hatte, war, dass sie einen Streit zwischen den Eltern der in der Wiese spielenden Kinder und den Hundebesitzern schlichten wollte.

Wie so oft ist das vorliegende Problem eines der Verteilung von Ressourcen. Wie gehen wir mit dem Platz, der zwischen den Häusern liegt, um? Wer darf dort was und wie machen? Zur Zeit ist es gesellschaftlich akzeptiert, dass Grünflächen geopfert und der Boden versiegelt wird, damit tonnenschwere Blechdosen ungestört die Luft verschmutzen können. Es ist aber verboten, einen 16 Kilo schweren Hund in die Parkwiese pinkeln zu lassen.

Die Stadt tut viel, damit Hundekot nicht liegen bleibt. Allein in Währing wurden 89 Sackerlspender für die 1.394 registrierten Hunde des Bezirks aufgestellt. Wienweit verteilt die Stadt jährlich 22 Millionen Sackerln an 60.000 registrierte Hunde. Und wer schnell nachgerechnet hat, weiß, dass sich das nicht ausgehen kann.

Womit wir wieder bei Jenny wären. Ihr Besitzer, der Jenny liebt und nur mit ihr Tisch und Hundedecke teilt, behauptet steif und fest alles zu tun, um ihren Mist wegzuräumen. Faktum ist aber, dass sich Jenny auf einem Abschnitt der Straße vor unserem Haus frei bewegt. Sie ist nicht angeleint, schleppt sich wedelnd von Geschäftslokal zu Geschäftslokal und wird in manchen gefüttert. Irgendwann kommt das alles wieder heraus. Ohne Aufsicht.

Erst vor kurzem stand ich entnervt im Geschäftslokal des Hundehalters und meinte, dass es so nicht weiter gehen könne. Ich würde mir meine Umgebung nicht von seinem Hund zuscheißen lassen. Oft musste ich Jennys Hinterlassenschaften wegräumen, weil diese direkt vor meiner Haustür lagen und die Mitbewohner vielleicht annehmen, mein Hund hätte in den Eingang gekackt.

Der Mann, leicht übergewichtig, glatzköpfig, jenseits der 60zig, sah mich mit traurig, wässrigen Augen an und erzählte mir eine halbe Stunde lang von den schwierigen medizinischen Eingriffen, denen sich Jenny unterziehen musste. Diese hätten ihr das Leben gerettet, würden ihn aber in den finanziellen Ruin treiben. Wahl habe er trotzdem keine, denn ein Leben ohne Jenny wäre für ihn kaum vorstellbar.

Als er sah, dass mich seine Litanei nur mäßig beeindruckte, versuchte er es mit dem in den österreichischen Nationalfarben gehaltenen Problemlösungsklassiker. Er hielt mir zwei Weinflaschen hin und meinte: „Rot oder Weiß“? Ich drehte mich um und ging.

Zu Hause angekommen, türmten sich mehrere Fragen vor mir auf. Ist die Liebe eines einsamen Mannes zu seinem Hund höher zu bewerten als die Masse derer, die mit ihren Blechkisten die Straße vor unserem Haus in eine Asphaltwüste verwandeln? Und: Ist Alkohol in diesem Land ein echter Problemlöser oder macht er nur die Widersprüchlichkeiten des Alltags erträglich?

#01 – Bekannte Gesichter

Wer je am Land gewohnt hat, schätzt die Vorzüge, die ein Bezirk wie Währing bietet. Auch die Mischung aus Distanz und Nähe macht diesen Bezirk lebenswert. Kein Nachbar wird sich in das eigene Leben einmischen, doch wenn man hinausgeht, trifft man immer wieder Bekannte, mit denen man gerne plaudert.

Fundament dieses komfortablen Umstandes ist die Bevölkerungsdichte. In Währing teilen sich die rund 50.000 Einwohner 6,35 km². Das sind 7.874 Menschen pro Quadratkilometer. In einer durchschnittlichen österreichischen Gemeinde teilt man sich den Quadratkilometer nur mit 180 Personen, was so viel bedeutet, dass jeder jeden kennt. Verhalten, dass nicht der Norm entspricht, fällt in einem kleinen Ort auf und es besteht ein Rechtfertigungsdruck, dem nicht jeder gewachsen ist. Das erklärt die für eine Demokratie ungewöhnlichen Wahlergebnisse in manchen Orten. In Gramais in Tirol wohnen zum Beispiel nur 1,12 Personen pro km². Die ÖVP erhielt hier 95% der Stimmen.

In Währing kann man wählen, wen man will, bzw. muss keinen gesellschaftlichen Druck fürchten. Trotzdem gibt es Personen und Gesichter, die auffallen, weil sie aus den unterschiedlichsten Gründen nicht einer vorherrschenden Norm entsprechen.

Wer am Nachmittag auf der Währingerstraße entlang spaziert, trifft oft einen gemütlich schlendernden, zirka 65 Jahre alten Mann mittlerer Größe, der einen bestens sitzenden Anzug trägt, gut frisiert ist, die Hände meist am Rücken verschränkt hat und sehr auffallend lächelt. Sieht man ihn an, ist man nicht sicher, ob man wirklich von ihm angelächelt wird oder sein Mund nur permanent diese Position eingenommen hat. Ich habe jedenfalls noch nie beobachtet, dass er nicht lächeln würde. Jedes Mal freue ich mich, diesen Herren zu sehen und stelle mir vor, er wäre der Fahrer des Lancia Thesis, der oft auf der Währinger Straße parkt und in seiner Seltenheit ebenso auffällig ist.

Erst gestern ist mir wieder der blonde Mann um die 40 begegnet, der bei schnellem Hinsehen wegen seines, auch im Sommer getragenen Halstuchs als Aristokratenspross durchgehen würde. Ein genauerer Blick auf die kaputten Schuhe, die vor langer Zeit einmal teuer gewesen sein müssen und die konservative, aber zerschlissene Kleidung gibt mehr Rätsel auf, als gelöst werden.

Manchmal würde ich den einen oder anderen gerne ansprechen und seine Lebensumstände ergründen, aber ich unterlasse es, auch weil ich zu der Norm gehöre, die auf der Straße wenig lächelt, aber immer den Anschein erweckt, dringend irgendwohin gehen zu müssen.

Nicht zu übersehen war der Herr, der oft in Frauenkleidern durch Währing spazierte. Bunte Leggings waren seine Spezialität. Er hatte ein rundes Gesicht, kurze Haare und es bereitete ihm ganz offenbar Mühe, in Stöckelschuhen zu gehen. Insgesamt war sein Auftreten wenig feminin und niemand hätte vermutet, dass es ihm Spaß macht, so gesehen zu werden. Auf mich wirkte er immer wie ein Mann, der nach einem Faschingsfest mit Kopfschmerzen nach Hause kommt und noch keine Zeit hatte, zu duschen.

So oft bin ich ihm begegnet, dass ich begann, ihn mit einem fast unmerklichen Nicken zu grüßen. Warum weiß ich nicht. Es war mir irgendwie peinlich, ständig an jemandem vorbeizugehen und immer so tun zu müssen, als würde man sich nicht kennen.

Manchmal, wenn er nicht starr und stumm vormittags vor einem Bier in dem winzigen Lokal auf der Gentzgasse saß, hat der Mann in Frauenkleidern zurückgenickt. Ebenfalls kaum merklich, wie ein Agent in feindlicher Umgebung. Es war ein stilles Anerkennen der gegenseitigen Existenz. Mehr nicht.

Meine Tochter hat mich einmal gefragt, warum er Frauenkleider trägt, aber ich wusste keine Antwort. Ich weiß nicht, warum man ständig lächelt oder im Sommer ein Halstuch und Frauenkleider trägt. Aber weil ich in Währing wohne, in einem Ort, wo sich 7874 Personen einen Quadratkilometer teilen, grenze ich mich ab von den Schicksalen und Tragödien, die rund um einen stattfinden. Wenn man genau hinsieht, merkt man, dass es zu viele gibt und delegiert diese lieber an die zuständigen Stellen.

Einmal habe ich mich gefragt, ob ich dem gut aussehenden, zwei Meter großen, Hünen jenseits der 50, einem Ingenieur mit Eigentumswohnung hier im Haus, meine Hilfe anbieten soll. Ich sah ihn öfters betrunken die Stiegen hoch wanken, aber dieses eine Mal stand er lallend vor unserer Haustür, suchte seinen Schlüssel und pinkelte sich vor mir in die Hosen. Ein dunkler, nasser Fleck breitete sich langsam vom Schritt abwärts auf seiner eleganten Leinenhose aus, während er, an der Hauswand lehnend, seinen Schlüssel aus dem Sakko fischte. Erbarmungswürdig war sein Anblick, aber was genau hätte ich ihm anbieten können?

Wie wäre diese Begegnung verlaufen, hätte sie nicht in Wien-Währing sondern in dem Tiroler Bergdorf Gramais stattgefunden? Wären mir dort die richtigen Worte eingefallen oder hätte ich ihn dort auch seinem Schicksal überlassen?

Eines Morgens brannten plötzlich ein paar Grabkerzen am Eingang vor dem Wohnhaus des Mannes in Frauenkleidern. Tags zuvor hatte er sich umgebracht.