WÄHRING – Die Kolumne

#03 – 1986 – Problem 1, 2 und 3

Wie bin ich überhaupt nach Währing gekommen? Dass mein erstes, von mir bezahltes Zimmer, in einer WG in diesem Bezirk sein würde, war nicht geplant. Im September fuhr ich, eben am Südbahnhof angekommen, mit meinen beiden Koffern zu einer anderen Wohnung. Ich hatte mit dem Hauptmieter vereinbart, dass ich zu Studienbeginn dort einziehen würde. Daran wollte sich der junge Mann nun nicht mehr erinnern und ich musste meine Tante bitten, mich bei ihr aufzunehmen. Das Debakel mit der Wohnung viel zeitlich zusammen mit dem Versuch, an der Universität zu inskribieren bzw. dem Anruf meiner Liebsten, die meinte, wir sollten Freunde bleiben.

Damit waren die Ziele meines ersten Herbstes in der großen Stadt definiert: 1. Wohnung, 2. Freundin, 3. Inskription. Der letzte Punkt schien der einfachste zu sein. Mein eigentlicher Wunsch war eine Aufnahme an der Wiener Filmakademie, doch deren Aufnahmsprüfung hatte vor meiner Ankunft statt gefunden und ich wollte das Jahr bis zur nächsten mit einem Studium der Soziologie überbrücken. Jung, dumm und vom Land, stand ich in unzähligen Schlangen im Hauptgebäude der Uni Wien und blieb was ich war. Niemand konnte mir erklären, welche mysteriösen Zahlenkombinationen den notwendigen Vorlesungen entsprachen, die ich auf dem Inskriptions-Zettel einzutragen hatte. Viele gaben Ratschläge, meinten der Besuch dieser oder jener Vorlesung wäre im ersten Semester vorteilhaft, doch nichts führte zu einer erfolgreichen Inskription. Verzweifelt ging ich zum Institut für Soziologie auf der Alser Straße. Wo, wenn nicht dort, würde man mir helfen können. Ich klopfte an eine Bürotür und stand kurz darauf vor einer Professorin der Soziologie. Glück gehabt, dachte ich. Die Dame würde mein Problem innerhalb von Minuten gelöst haben. Frau Professor war sehr nett und wir begannen zu plaudern. Ich war eben erst von einem einjährigen Aufenthalt in Jamaica zurückgekehrt, gab mich weltmännisch und hörte ihr zu. Sie beschäftigte sich gerade mit dem Gedanken, ein Kind aus Afrika zu adoptieren. Gemeinsam – sie war vielleicht 38 Jahre alt, ich 19 – wogen wir diverse Vor- und Nachteile des Projekts „Adoption“ ab. So blöd zu glauben, dass ich zu dem Thema etwas zu sagen hatte, war ich nicht, aber es schien mir nur opportun, ihr zu lauschen, wenn sie im Gegenzug mir, diesen verdammten Inskriptions-Zettel ausfüllen würde.

Nach eineinhalb Stunden stand ich wieder auf der Alser Straße. Die, für die Inskription notwendigen Vorlesungen würde mir die Studentenvertretung des Fachs Soziologie mitteilen, hatte sie nach Beendigung ihres Adoptionsmonologes gemeint und mich genauso dämlich zurückgelassen, wie ich gekommen war. Ob sie je ein Kind adoptiert hat, weiß ich nicht.

Wieder zurück auf der Hauptuni sah ich ein Plakat einer Studentenpartei: „Einladung an alle Erstsemestrigen des Faches Soziologie!“ Ich lief hin und bekniete einen fast peinlich berührten Studenten, mir zu helfen. Die Studentenpolitik, das eigentliche Ziel dieses Treffens, interessierte mich nicht, aber da war eine junge Dame, die sehr engagiert sprach und mich für die Gruppe gewinnen wollte. Ich dachte auch hier an einen Abtausch der Problemfelder. Sie könnte mich für die Studentenpolitik gewinnen und ich mit ihr mein Problem Nummer 2 lösen. Gut gelaunt und hoffnungsfroh fuhr ich zu meiner Tante und widmete mich Problem Nummer 1.

Warum wollte ich weg von dort? Meine Tante bestand darauf, dass ich jeden Morgen gegen 6:30 mit ihr und ihrem Mann beim Frühstück saß, den Tee mit Rum trank und spätestens um 21:00 alles unterließ, was ihren leichten, aber langen Schlaf stören konnte. Ich musste dort raus.

Es vergingen mehrere Wochen und ich war bereit, zurück aufs Land zu ziehen. Problem 1 schien für meine finanziellen Möglichkeiten unlösbar zu sein. Alle Studenten der Stadt waren gleichzeitig auf Wohnungssuche und immer schneller als ich. Ab und zu wurden leistbare WG-Zimmer angeboten, doch bis ich davon erfuhr, war es zu spät. Größere Chancen hatten nur katholische Mädchen. Für Vermieter schien die Verbindung aus Geschlecht und Glaube eine Art Garantieschein für ununterbrochene Mieteinnahmen zu sein. Die Zimmer, zu denen ich betreffend Ansicht vordringen konnte, lagen entweder knapp hinter der Stadtgrenze, waren absolute Bruchbuden und/oder in den Händen von irritierenden Gestalten, deren Interessen über die Mieteinnahmen hinaus gingen.

Der Herbst neigte sich dem Ende zu, ich war verzweifelt, trank Tee mit Rum um 6:30, als ich gegen jede Wahrscheinlichkeit wieder eine Telefonnummer wählte. Die Dame meinte, das Zimmer sei zwar vergeben, doch das katholische Mädchen, das einziehen wollte, musste zurück in die Heimat. Sie bot mir an, mich vorzustellen.

Mit geputzten Schuhen, frisierten Haaren und einem geborgten Lodenmantel stand ich kurz darauf auf dem Perserteppich vor der älteren Dame und ihrem Sohn, dem eigentlichen Besitzer der beiden Zinshäuser mitten in Währing. Die Dame mit Hut und der Bub – auch schon vierzig, der sicher nie in seinem Leben eine Wohnung gesucht, essen gekocht oder abgewaschen hatte – beäugten mich skeptisch. War ich gut genug, um in eines der Zimmer der unrenovierten Wohnung zu ziehen, die bereits vier katholische Studenten beherbergte, hier im Haus lag, aber keine Küche hatte? Kochen konnte man freilich, denn die kleine Kochplatte stand praktischerweise im fensterlosen Badezimmer neben dem Waschbecken, in dem man nach dem Essen zuerst das Geschirr und dann sich waschen konnte.

Ich bestand den Test, wollte sowieso nie kochen, trug meine beiden Koffer nach Währing und stand die nächste Zeit nie vor neun Uhr auf. Den Rum trank ich ab nun abends.

#02 – Jenny

Jenny ist eine große, alte Hündin mit räudigem Fell, breiten schwarzen Ringen um die Augen und einer großen Schnauze. Der hintere Teil ihres Körpers scheint dem vorderen nur widerwillig zu folgen und wenn sie sich anschmiegt, knickt sie ein. Immer freundlich wedelnd, nie bellend, begrüßt sie jeden Passanten. Und Jenny wird geliebt, heiß, hingebungsvoll und unter Aufopferung beträchtlicher finanzieller Mittel. Nur nicht von mir und manch anderen im Umkreis von 100 Metern ihres Wohnorts.

Liebe ist schwer zu definieren und viele, die ohne Haustier leben, betrachten eine Beziehung zwischen Tier und Mensch als etwas Abartiges. Ich sehe das nicht so. Im Gegenteil: Ich wurde bereits von zwei Frauen verlassen, die mich zwar nicht mehr sehen wollten, aber beide baten, ich soll doch bitte eine Zeit lang auf ihre jeweilige Katze aufpassen. Eine rationale Reaktion auf diesen Wunsch wäre gewesen, den Damen zu sagen, sie sollen sich ihre Katzen sonstwo hinstecken. Was ich aber nicht tat.

Ich – ein deklarierter Hundefreund – nahm die Katzen bei mir auf, fütterte sie, pflegte sie, liebte sie. Diese Liebe wurde erwidert. Die eine Katze wich kaum von meiner Seite, schlief prinzipiell neben mir und pinkelte meinem WG-Kollegen ins Bett, wenn ich länger als zwei Stunden nicht zu Hause war. Der WG-Kollege war ein sehr netter Mensch und die WG eine Bruchbude. Noch heute wundere ich mich darüber, wie schamlos Vermieter Geld für etwas nehmen, vor dem sie selbst zurückschrecken würden. Wie auch immer: ein bißchen Katzenpisse fiel da nicht weiter auf, doch irgendwann hatte der Mitbewohner genug und zog aus. Die Geschichte mit Katze zwei, verlief anders, hatte aber ein ähnliches Ende: Tier und Mensch, verbunden in inniger Zuneigung.

Das muss nicht immer so sein, denn wie Tiere in der Stadt gehalten werden, führt trotz gesetzlicher Regelungen immer wieder zu Konflikten. Auch in Währing. Diesen Sommer eskalierte ein Streit betreffend die Verschmutzung eines Stiegenhauses in der Hockegasse. Schlussendlich hielt ein Herr dem Hundehalter eine Waffe an den Kopf. Erst das Eingreifen der Polizei konnte den Konflikt entschärfen. Ungefähr zur gleichen Zeit erzürnte die Bezirksvorsteherin einige Hundebesitzer, indem sie diese daran erinnerte, dass Hunde laut Gesetz eben nicht das Recht haben, auf die Rasenflächen des Schubertparks zu pinkeln. Der Grund, warum sich die Bezirksvorsteherin überhaupt zu Wort gemeldet hatte, war, dass sie einen Streit zwischen den Eltern der in der Wiese spielenden Kinder und den Hundebesitzern schlichten wollte.

Wie so oft ist das vorliegende Problem eines der Verteilung von Ressourcen. Wie gehen wir mit dem Platz, der zwischen den Häusern liegt, um? Wer darf dort was und wie machen? Zur Zeit ist es gesellschaftlich akzeptiert, dass Grünflächen geopfert und der Boden versiegelt wird, damit tonnenschwere Blechdosen ungestört die Luft verschmutzen können. Es ist aber verboten, einen 16 Kilo schweren Hund in die Parkwiese pinkeln zu lassen.

Die Stadt tut viel, damit Hundekot nicht liegen bleibt. Allein in Währing wurden 89 Sackerlspender für die 1.394 registrierten Hunde des Bezirks aufgestellt. Wienweit verteilt die Stadt jährlich 22 Millionen Sackerln an 60.000 registrierte Hunde. Und wer schnell nachgerechnet hat, weiß, dass sich das nicht ausgehen kann.

Womit wir wieder bei Jenny wären. Ihr Besitzer, der Jenny liebt und nur mit ihr Tisch und Hundedecke teilt, behauptet steif und fest alles zu tun, um ihren Mist wegzuräumen. Faktum ist aber, dass sich Jenny auf einem Abschnitt der Straße vor unserem Haus frei bewegt. Sie ist nicht angeleint, schleppt sich wedelnd von Geschäftslokal zu Geschäftslokal und wird in manchen gefüttert. Irgendwann kommt das alles wieder heraus. Ohne Aufsicht.

Erst vor kurzem stand ich entnervt im Geschäftslokal des Hundehalters und meinte, dass es so nicht weiter gehen könne. Ich würde mir meine Umgebung nicht von seinem Hund zuscheißen lassen. Oft musste ich Jennys Hinterlassenschaften wegräumen, weil diese direkt vor meiner Haustür lagen und die Mitbewohner vielleicht annehmen, mein Hund hätte in den Eingang gekackt.

Der Mann, leicht übergewichtig, glatzköpfig, jenseits der 60zig, sah mich mit traurig, wässrigen Augen an und erzählte mir eine halbe Stunde lang von den schwierigen medizinischen Eingriffen, denen sich Jenny unterziehen musste. Diese hätten ihr das Leben gerettet, würden ihn aber in den finanziellen Ruin treiben. Wahl habe er trotzdem keine, denn ein Leben ohne Jenny wäre für ihn kaum vorstellbar.

Als er sah, dass mich seine Litanei nur mäßig beeindruckte, versuchte er es mit dem in den österreichischen Nationalfarben gehaltenen Problemlösungsklassiker. Er hielt mir zwei Weinflaschen hin und meinte: „Rot oder Weiß“? Ich drehte mich um und ging.

Zu Hause angekommen, türmten sich mehrere Fragen vor mir auf. Ist die Liebe eines einsamen Mannes zu seinem Hund höher zu bewerten als die Masse derer, die mit ihren Blechkisten die Straße vor unserem Haus in eine Asphaltwüste verwandeln? Und: Ist Alkohol in diesem Land ein echter Problemlöser oder macht er nur die Widersprüchlichkeiten des Alltags erträglich?

#01 – Bekannte Gesichter

Wer je am Land gewohnt hat, schätzt die Vorzüge, die ein Bezirk wie Währing bietet. Auch die Mischung aus Distanz und Nähe macht diesen Bezirk lebenswert. Kein Nachbar wird sich in das eigene Leben einmischen, doch wenn man hinausgeht, trifft man immer wieder Bekannte, mit denen man gerne plaudert.

Fundament dieses komfortablen Umstandes ist die Bevölkerungsdichte. In Währing teilen sich die rund 50.000 Einwohner 6,35 km². Das sind 7.874 Menschen pro Quadratkilometer. In einer durchschnittlichen österreichischen Gemeinde teilt man sich den Quadratkilometer nur mit 180 Personen, was so viel bedeutet, dass jeder jeden kennt. Verhalten, dass nicht der Norm entspricht, fällt in einem kleinen Ort auf und es besteht ein Rechtfertigungsdruck, dem nicht jeder gewachsen ist. Das erklärt die für eine Demokratie ungewöhnlichen Wahlergebnisse in manchen Orten. In Gramais in Tirol wohnen zum Beispiel nur 1,12 Personen pro km². Die ÖVP erhielt hier 95% der Stimmen.

In Währing kann man wählen, wen man will, bzw. muss keinen gesellschaftlichen Druck fürchten. Trotzdem gibt es Personen und Gesichter, die auffallen, weil sie aus den unterschiedlichsten Gründen nicht einer vorherrschenden Norm entsprechen.

Wer am Nachmittag auf der Währingerstraße entlang spaziert, trifft oft einen gemütlich schlendernden, zirka 65 Jahre alten Mann mittlerer Größe, der einen bestens sitzenden Anzug trägt, gut frisiert ist, die Hände meist am Rücken verschränkt hat und sehr auffallend lächelt. Sieht man ihn an, ist man nicht sicher, ob man wirklich von ihm angelächelt wird oder sein Mund nur permanent diese Position eingenommen hat. Ich habe jedenfalls noch nie beobachtet, dass er nicht lächeln würde. Jedes Mal freue ich mich, diesen Herren zu sehen und stelle mir vor, er wäre der Fahrer des Lancia Thesis, der oft auf der Währinger Straße parkt und in seiner Seltenheit ebenso auffällig ist.

Erst gestern ist mir wieder der blonde Mann um die 40 begegnet, der bei schnellem Hinsehen wegen seines, auch im Sommer getragenen Halstuchs als Aristokratenspross durchgehen würde. Ein genauerer Blick auf die kaputten Schuhe, die vor langer Zeit einmal teuer gewesen sein müssen und die konservative, aber zerschlissene Kleidung gibt mehr Rätsel auf, als gelöst werden.

Manchmal würde ich den einen oder anderen gerne ansprechen und seine Lebensumstände ergründen, aber ich unterlasse es, auch weil ich zu der Norm gehöre, die auf der Straße wenig lächelt, aber immer den Anschein erweckt, dringend irgendwohin gehen zu müssen.

Nicht zu übersehen war der Herr, der oft in Frauenkleidern durch Währing spazierte. Bunte Leggings waren seine Spezialität. Er hatte ein rundes Gesicht, kurze Haare und es bereitete ihm ganz offenbar Mühe, in Stöckelschuhen zu gehen. Insgesamt war sein Auftreten wenig feminin und niemand hätte vermutet, dass es ihm Spaß macht, so gesehen zu werden. Auf mich wirkte er immer wie ein Mann, der nach einem Faschingsfest mit Kopfschmerzen nach Hause kommt und noch keine Zeit hatte, zu duschen.

So oft bin ich ihm begegnet, dass ich begann, ihn mit einem fast unmerklichen Nicken zu grüßen. Warum weiß ich nicht. Es war mir irgendwie peinlich, ständig an jemandem vorbeizugehen und immer so tun zu müssen, als würde man sich nicht kennen.

Manchmal, wenn er nicht starr und stumm vormittags vor einem Bier in dem winzigen Lokal auf der Gentzgasse saß, hat der Mann in Frauenkleidern zurückgenickt. Ebenfalls kaum merklich, wie ein Agent in feindlicher Umgebung. Es war ein stilles Anerkennen der gegenseitigen Existenz. Mehr nicht.

Meine Tochter hat mich einmal gefragt, warum er Frauenkleider trägt, aber ich wusste keine Antwort. Ich weiß nicht, warum man ständig lächelt oder im Sommer ein Halstuch und Frauenkleider trägt. Aber weil ich in Währing wohne, in einem Ort, wo sich 7874 Personen einen Quadratkilometer teilen, grenze ich mich ab von den Schicksalen und Tragödien, die rund um einen stattfinden. Wenn man genau hinsieht, merkt man, dass es zu viele gibt und delegiert diese lieber an die zuständigen Stellen.

Einmal habe ich mich gefragt, ob ich dem gut aussehenden, zwei Meter großen, Hünen jenseits der 50, einem Ingenieur mit Eigentumswohnung hier im Haus, meine Hilfe anbieten soll. Ich sah ihn öfters betrunken die Stiegen hoch wanken, aber dieses eine Mal stand er lallend vor unserer Haustür, suchte seinen Schlüssel und pinkelte sich vor mir in die Hosen. Ein dunkler, nasser Fleck breitete sich langsam vom Schritt abwärts auf seiner eleganten Leinenhose aus, während er, an der Hauswand lehnend, seinen Schlüssel aus dem Sakko fischte. Erbarmungswürdig war sein Anblick, aber was genau hätte ich ihm anbieten können?

Wie wäre diese Begegnung verlaufen, hätte sie nicht in Wien-Währing sondern in dem Tiroler Bergdorf Gramais stattgefunden? Wären mir dort die richtigen Worte eingefallen oder hätte ich ihn dort auch seinem Schicksal überlassen?

Eines Morgens brannten plötzlich ein paar Grabkerzen am Eingang vor dem Wohnhaus des Mannes in Frauenkleidern. Tags zuvor hatte er sich umgebracht.