# 39 – CO2 Freunde

Noch nie in der Geschichte waren die CO2 Werte in unserer Atmosphäre so hoch, und sollte die Sache so weiter gehen, müssen wir uns keine Sorgen mehr um Gletscher, Eisbären, oder exzessives Salzstreuen im Winter machen.

In 40 Jahren, nach Missernten, Wasserknappheit und bewaffneten Konflikten werden unsere Enkel, Höhlenmenschen gleich, auf der Suche nach Verwertbarem in kleinen Gruppen durch das entvölkerte Land ziehen.

Rein statistisch werden das natürlich nicht unserer Kinder und Kindeskinder sein, weil denen haben wir ja den Klavierunterricht, die Mathematiknachhilfe und das Kunstgeschichtestudium finanziert. Die haben absolut keine Chance im Kampf um spärliche Ressourcen. Überleben werden das erste große Sterben wahrscheinlich nur die Nachkommen von den Idioten, die als Jugendliche an Wehrsportübungen teilgenommen haben, auf der Autobahn 200 fahren wollen und sich beizeiten von einer österreichischen Waffenfirma sponsern ließen.

Was bleibt mir also übrig, als alles in meiner Macht Stehende zu tun, um das zu verhindern?
Und genau deshalb habe ich gestern Christian meine Freundschaft aufgekündigt.

Christian ist an sich ein guter Mensch, freundlich, zuvorkommend, hilfsbereit. Er arbeitet als Berater für ein internationales Transportunternehmen, trägt keine Waffe und fährt gerne Rad. Darüber hinaus ist er einer meiner ältesten Freunde, der mir auch in schwierigen Zeiten immer beigestanden ist. Allerdings sehen wir uns seit drei Jahren nicht mehr so oft und das hängt auch mit den etwas weniger charmanten Eigenschaften Christians zusammen.

Erstens: er hat wieder geheiratet und lebt jetzt mit dieser schrecklich, schönen und wesentlich jüngeren Frau ohne Kinder an der Westküste Kanadas.

Zweitens: er hat es geschafft, hier in Wien einen Wahnsinns Job zu ergattern, der es ihm erlaubt, zu pendeln! Ja! Pendeln! Christian fliegt vier mal jährlich von seinem idyllischen kleinen Dorf an der Küste quer über den Globus nach Wien, organisiert hier ein bisschen herum und sitzt einen Monat später wieder im Flugzeug Richtung neue Heimat.

Dort angekommen vögelt er die nächsten drei Monate seine wunderschöne Frau und macht ein wenig Homeoffice. Letzteres aber erst, nachdem er zu Pferd und mit Hund die unberührte Landschaft rund um sein Heim erkundet hat. Muss er einkaufen gehen, setzt er sich in seinen Diesel-Pickup Truck und fährt halt die 100 Kilometer bis zum nächsten Kanada-Spar/Billa.

Neulich saß Christian bei mir in Wien auf der alten Couch, deren Erneuerung ich mir aufgrund der tristen Auftragslage nicht leisten kann, verweigerte meinen Wurstsalat mit der Bemerkung, er sei schon seit Jahren Vegetarier, und, als ich ihm nachschenken wollte, hielt er schützend die Hand über sein Weinglas. Ich gestehe, der Wein schmeckte furchtbar, aber trotzdem kam ich ins Grübeln.

Ich meine, Wurstsalat hin oder her, sind es nicht Menschen wie Christian, die mit ihrem Streben nach Erfolg und sexueller Befriedigung die Eisbären auf dem Gewissen haben? Stößt er nicht mit jedem seiner Flüge von und zu seinem kleinen Paradies aus Landleben und Sex meine Kinder noch tiefer in den klimatischen Abgrund? Kann ich mit jemandem befreundet sein, der den Lebensraum der Menschheit trotz aller Warnungen, quasi mit dem Föhn in der Hand, austrocknet?

Nein, das geht nicht und nach mehreren Gläsern dieses fast ungenießbaren Grünen Veltliners sprach ich es deutlich lallend aus: Wer die Zukunft meiner Kinder zerstört, ist nicht willkommen an meinem alten Ikea-Tisch. Minuten später war er weg. Unten wartete das Flughafentaxi.

Tags darauf erwachte ich mit kolossalen Kopfschmerzen, war aber ob meines heldenhaften Auftretens doch ein wenig stolz. Die Kinder quälten mich zwar mit der Frage, warum Onkel Christian diesmal nicht länger geblieben war, doch ich erklärte ihnen, dass Papa in Fragen ihrer Zukunft eben keinen Spaß versteht.

Zwei Wochen später kam ein langes Email von Christian. Er hatte es beim Fischen in der idyllischen Bucht geschrieben, in der er seine Nachmittage nach dem Ausreiten verbringt, wenn seine bezaubernde Frau ohne ihn einkaufen fährt.

In dem Email gratulierte er mir zu meiner Haltung und entschuldigte sich lang und breit für seinen Lebensstil. Es sei sich seiner eigenen Schandtaten bewusst und wolle mich ganz ohne Familie und als Zeichen der Wiedergutmachung zu einem exklusiven Urlaub zu sich nach Kanada einladen. Alle Unkosten und das First-Class-Ticket würde er übernehmen. Die Abholung vom Flughafen zu seinem Domizil würde die ältere Schwester seiner Frau übernehmen. Die sei fast noch hübscher als seine eigene und vollkommen hin und weg gewesen, als er ihr ein Foto von mir gezeigt habe.

Ich kenne Christian schon sehr lange und dieser plumpe Versuch, meine moralische Überlegenheit ihm gegenüber durch ein wenig Luxus auszuhebeln, war auch ohne Veltliner leicht zu durchschauen.

Eine Minute, nachdem ich seinen Text gelesen hatte, drückte ich auf „Antworten“ und formulierte meine schneidende Zustimmung zu seinem Plan.

Warum habe ich nicht abgelehnt?

Ich schwöre, ich hätte es getan, wäre es an diesem Sonntag vormittag nicht so furchtbar heiß in meiner geliebten Heimatstadt gewesen. Die Temperatur war so unerträglich, dass selbst ich, der so gut wie nie ein öffentliches Freibad besucht, beschloss, alle Abneigung gegen die Zurschaustellung halbnackter übergewichtiger Leiber hintanzustellen.

Also stieg ich auf mein altes Fahrrad und kämpfte mich in brütender Hitze den Berg hinauf zum Schwimmbad.

Und was geschah? Ich stand im Stau. Autos krochen im Schritttempo den Berg hinauf, nur um oben angekommen festzustellen, dass die Autos davor bereits sämtliche Parkplätze besetzt hatten. Das führte dazu, dass die Nachkommenden auch bergabwärts alle Straßen auf der Suche nach Parkplätzen verstopften.

Illustration: Sarah Morrissette
Illustration: Sarah Morrissette

Einmal mehr wurde mir vor Augen geführt, dass mein Fahrrad-Einsatz gegen die Erderwärmung vollkommen sinnlos ist. Christian ist vielleicht ein Extrembeispiel, aber die Masse derer, die auch noch die kleinsten und am wenigsten dringlichsten Wege mit dem Auto erledigt, ist schlicht überwältigend.

Eben hatten wir den heißesten Juni seit immer in unserer Stadt. Aus jeder Ecke kommen Warnungen in Bild und Ton. Verzichtet! Doch wir fliegen nach Ibiza, nach Kanada oder fahren mit dem SUV ins Bad.

Kurz, so wird das nichts mit dem Kampf gegen die Erderwärmung, also werde ich weiterhin mit Christian befreundet bleiben und nächste Woche auf meinem Weg nach Kanada mehr CO2 in die Luft blasen, als mir das in den letzten 10 Jahren möglich war.

Blinde und Taube dieser Welt, nehmt mich auf in eure Gemeinschaft der geistig Umnachteten. Freunde, Brüder, Idioten! Wählen wir gemeinsam den Untergang und treten heftig aufs Gas Richtung Inferno. Wir haben es verdient.

Zur Sicherheit habe ich aber den Klavierunterricht der Kinder storniert und sie stattdessen für eine Wehrsportausbildung im Wald angemeldet. Das erste Treffen mit dem Gruppenleiter hatten die Kinder bereits. Der Typ heißt kurz Haze und trinkt ständig Red Bull. Komischer Name, aber so lange er den Kindern etwas beibringt, ist mir egal, woher der kommt.