Fotos

Zwei Gründe sind es, warum mich dieses Bild berührt. Einmal weil ich eines der Kinder auf dem Bild bin und einmal, weil ich es nicht bin. Das Foto entstand 1974 in einem Klassenzimmer der Volksschule Bendagasse in Wien – Mauer.

Sofort fällt auf, dass fast alle Kinder auf dem Foto lachen. Der Blick geht gerade in die Zukunft und diese scheint gut, ja strahlend zu sein. Es ist die Abwesenheit des Zweifels, die so berührt. In dem Augenblick kann jedes der Kinder ohne den geringsten Widerspruch behaupten, einmal Astronaut oder Zirkusdirektor zu werden. So manifest ist diese Gewissheit, dass man am liebsten ein Kind packen und fest an dich drücken würde, um es zu bestärken und laut zu sagen: Du hast vollkommen recht. Ja, dein Leben wird glücklich sein und Zirkusdirektor ist ein wunderbarer Beruf.

Das ist lange her. Abgesehen von mir selbst, weiß ich nur von einem der Abgebildeten, was aus ihm geworden ist. Karli – dritte Reihe, ganz links – übernahm den Betrieb seiner Eltern und wurde Heurigenwirt.

Von einigen Kindern sind mir Erinnerungen geblieben. Inge – erste Reihe, Zweite von rechts – war das erste Mädchen, das ich geküsst habe. Wir spielten Ehepaar. Die Nonnen, die uns nach der Schule beaufsichtigt haben, meinten, wir sollten das lassen, weil es unhygienisch sei. Philipp – zweite Reihe, Zweiter von rechts – brachte das „India-Poster“, welches im Bild hinten an der Wand des Klassenzimmers hängt. Seine Eltern waren Inder, was zwar exotisch klang, uns aber nicht weiter beschäftigt hat. Katharina – erste Reihe, ganz rechts – war eine sehr gute Schülerin und wurde am Nachmittag auch von den Nonnen beaufsichtigt. Sie hätte ich gerne geküsst, doch dazu kam es nicht. Ihr Bruder Clemens – zweite Reihe, Zweiter von links – war einer meiner Freunde. Mehrmals durfte ich bei den beiden und der alleinerziehenden Mutter übernachten. Sie lebten in einer großen Neubausiedlung mit unzähligen Wohnblocks am Stadtrand. Clemens und ich fanden es großartig, die vielen Knöpfe der Türklingeln zu drücken und von einem sicheren Versteck heraus zu beobachten, wer als nächster mit rotem Kopf und brüllend aus dem Haus laufen würde.

Leider habe ich alle ihre Familiennamen vergessen. Ich werde nie erfahren, welches der Kinder Zirkusdirektor geworden ist. Was mich noch mehr interessieren würde, wäre, ob eines der Kinder einmal wieder, wenn auch für kurze Zeit, diesen Zustand der Zweifelsfreiheit erlangt hat, oder ob wir alle bis an das Ende unseres Lebens, das Ende der Zukunft auf diese alles überstrahlende Gewissheit warten müssen.