ALTKÖRPER

Roman von Ivo Schneider

Tornquist Verlag, 261 Seiten mit 18 Zeichnungen von Georg Böhmig // Hardcover // ISBN:978-3-200-11199-8 // Erscheint im Oktober 2026 // 34,00 €

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Zum Inhalt:

Es ist absurd, wenn die junge Anna behauptet, sie würde Fabian lieben. Es ist absurd, wenn sie so selbstverständlich seine Hand nimmt, mit ihm, allen Überwachungsmaßnahmen zum Trotz, Nächte und Tage verbringt.

Wird sie ihn an seinem fünfzigsten Geburtstag erschlagen, finanziell ausweiden oder wird sie mit ihm flüchten?

In einem Jahr ist Fabian 50 und in Zentraleuropa wird niemand älter. Mit 50 ist man ein Altkörper und wandert in die Tonne.

Für eine Flucht müsste Fabian sich öffnen, ein Mensch werden. Ein Mensch, der die eigene Feigheit überwindet, der riskiert, schlagenden Herzens zu verbluten.

Kapitel 1

Fabian verriegelte die Eingangstür und sank keuchend auf den Fußboden. Morgensport war ihm immer zuwider gewesen. Als sich seine Atmung normalisiert hatte, stand er langsam auf, ging ins Badezimmer. Er zog die Joggingsachen aus und stieg in die Duschkabine. Automatisch griff er zum Temperaturregler, zögerte aber. Sollte er, aus aktuellem Anlass, die kalte Dusche ausfallen lassen? Er konnte sich nicht entscheiden, öffnete die Kabinentür und stieg ungeduscht wieder heraus.

Nackt betrat er das Wohnzimmer. Ein Sonnenstrahl drang durch einen Spalt zwischen den beiden Teilen des dicken Vorhangs in den Raum. Das Licht fiel auf den Reader, der sich eben mit dem Netz der Übergangsregierung verband und den Text, den Fabian am Morgen aufgerufen hatte, überdeckte.

Zögernd ging Fabian zum Fenster, schob den Vorhang einen Spalt breit zur Seite, sah hinaus.

Der Wind war noch stärker geworden und schüttelte die kleinen Blätter der Kastanienbäume. Fabian erinnerte sich, dass die Blätter früher viel größer gewesen waren. Das war wohl genauso eine Folge des Klimawandels wie der ständige Wind. Er sah hinunter zum Gehsteig und erkannte Schuster. Gestützt auf einen Stock machte der sich daran, die Straße zu überqueren. Fabians Nachbar war erst vor kurzem fünfzig Jahre alt geworden und damit nur unwesentlich älter als er selbst. Äußerlich war der Unterschied zwischen ihnen jedoch gewaltig. Während Fabian dank straffer Haut und drahtigen Körpers wie ein sportlicher Fünfunddreißigjähriger aussah, schien Schuster weit über sechzig zu sein. Er hatte schneeweißes Haar und trug dicke Brillen. Besonders unvorteilhaft wirkte der Stock, den er neben dem Bein mit dem steifen Knie in der Hand hielt. Fabian dachte kurz daran, hinauszulaufen und ihn aufzuhalten, doch es war sinnlos. Ohne Zweifel wusste Schuster, was er tat. Er wollte an diesem sonnigen Frühlingsvormittag die Straße überqueren.

Langsam und mühevoll stieg Schuster von der Gehsteigkante, auf den Asphalt hinunter. Er zwängte sich zwischen zwei geparkten Autos hindurch und stand dann, gestützt auf den Stock, am Fahrbahnrand. Seine weißen Haare flatterten im Wind und verkündeten die Kapitulation.

Nach dem Morgenverkehr war es auf der Neuwaldeggerstraße wieder ruhig geworden. Schuster zögerte, sah sich mehrmals um, machte einen Schritt nach vor, nur um sein Bein gleich wieder zurückzuziehen. Ein Wagen fuhr vorbei. Noch einmal sah er sich um. Die Straße war frei. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen, richtete seinen Blick geradeaus und schritt würdevoll voran. Kurz bevor er den Mittelstreifen erreicht hatte, tauchte in der Entfernung ein dunkelgrüner Geländewagen auf. Laut röhrte der Motor des Autos, aber Schuster drehte sich nicht mehr um, ging ruhig weiter. Linker Fuß, Stock, rechter Fuß. Linker Fuß, Stock, rechter Fuß. Er hatte zwei Drittel des Weges zurückgelegt, als man deutlich hören konnte, wie der Fahrer des Geländewagens den Gang wechselte und beschleunigte.

Die Stoßstange des Geländewagens traf Schuster mit ungefähr 100 Stundenkilometern. Kurz blieb er an einer Abschleppvorrichtung hängen, wurde mitgeschleift und glitt nach wenigen Metern unter die Räder des Wagens. Der Fahrer verlangsamte das Tempo auf die im Ortsgebiet erlaubte Geschwindigkeit. Wenig später verschwand der Wagen hinter der nächsten Kurve. Schuster lag tot auf der Straße. Deutlich zeichnete sich ein roter Fleck neben seinen weißen Haaren ab.

Idiot, dachte Fabian, ließ den schweren Vorhang los, war wieder umgeben von Dunkelheit. Er setzte sich in den abgewetzten Ledersessel. Wie am Vortag ging er alle nur denkbaren Möglichkeiten durch und kam doch wieder zu demselben Schluss: Das Spiel war aus. Nicht gleich, aber in 363 Tagen war sein Leben ungefähr so viel wert wie das seines Nachbarn Schuster draußen auf der Straße.

Der Plan, dem Unvermeidlichen zu entkommen, hatte sich mit der Verlautbarung 240167 des Informationsdienstes der Übergangsregierung in Luft aufgelöst.

„Liebe MitbürgerInnen! Nach langen und schwierigen Verhandlungen ist es der Übergangsregierung 342 gelungen, mit der eidgenössischen Verwaltung ein Abkommen über die Verfügbarkeit von Konten unserer StaatsbürgerInnen zu erzielen. Ab heute können BankkundInnen, die das 35. Lebensjahr überschritten haben, ihr Guthaben nur noch durch eine Person beheben lassen, die jünger als 29 Jahre ist.“

Fabian konnte den Text auswendig. In jedem Wort, jedem Buchstaben hatte er nach einem verborgenen Hinweis gesucht, wie er doch noch zu seinem Geld kommen könnte. Er hatte nichts gefunden. Seit Wochen kursierte das Gerücht, die Schweizer hätten auf Druck der europäischen Übergangsregierung ein neues Gesetz erlassen. Niemand hatte daran geglaubt. An den Bankkonten, die die Bürger Zentraleuropas heimlich in der Schweiz einrichten konnten, verdienten die Eidgenossen Milliarden. Weshalb sollten sie diesen profitablen Geschäftszweig aufgeben?

Fabian wusste keine Antwort. Vorgestern, an seinem 49. Geburtstag, war er noch voller Hoffnung gewesen, doch davon war nichts mehr übrig. Dieser 1. Mai hatte sein Schicksal besiegelt. Sogar mit seinen Ersparnissen wäre die Reise nach Homeland äußerst gefährlich gewesen, doch so war sie schlicht unmöglich. Er hatte genau noch 363 sichere Tage zu leben. Danach war Fabian vogelfrei. Jeder, der Lust dazu verspürte, konnte ihm den Schädel einschlagen, ihn überfahren oder sonst wie massakrieren. Mit fünfzig war man in Europa so gut wie tot.

Fabian wollte sich verkriechen, sich unsichtbar machen, den eigenen Kreislauf wie ein Reptil verlangsamen, doch das war alles schon geschehen und tägliche Praxis.

Rein medizinisch musste jeder dreißigjährige Mann Fabian beneiden. Mit 49 war er so unverbraucht, als hätte er die letzten zehn Jahre geschlafen. Wie ein Mönch, dessen einzige Religion das eigene Überleben ist, hatte er alles vermieden, was man unter dem Sammelbegriff „Verschwendung“ einordnen konnte. Beziehungen war er keine eingegangen. Gefühle waren chaotisch, nicht kalkulierbar, und ein emotionales Engagement kostete schlussendlich immer mehr, als es einbringen konnte. Liebe, Trauer, Mitgefühl waren Empfindungen, die sich Fabian für Homeland reserviert hatte, für den sicheren Hafen, wo bei Zuneigung nicht Gefahr, Angst oder Leid mit einkalkuliert werden musste. Nur Idioten und Helden verschwendeten ihren Körper wie Tiere, die ihren Instinkten gehorchten. Fabian hatte sein Leben konserviert und nun, wo er die Dose aufmachen wollte, hatten ihm die Schweizer den Öffner gestohlen.

„Was soll ich jetzt tun?“, dachte Fabian und vermutete, dass sich Hunderttausende in Europa jeden Tag diese Frage stellten. Kämpfte man mit allen Mitteln gegen die eigene Vernichtung an oder sollte man sich fügen? Wie gestaltete man dieses letzte Jahr? Beispiele gab es genug und manche erlebten das letzte Jahr als eine Art Befreiung. Wer die Angst vor der eigenen Auslöschung einmal überwunden hatte, konnte tun und lassen, was er wollte. Grenzen gab es da, bis zu einem gewissen Grad, nur in zeitlicher Hinsicht.

Konnte man aber eine Maske, deren Anbringung so viel Energie gekostet hatte, mit einem Mal ablegen? Notwendig war sie nicht mehr. Spätestens am 49. Geburtstag erfuhren sowieso alle, wie alt man war. Sollte er sich nun, ohne Hoffnung auf eine Errettung, gehen lassen und seinen kurzen Lebensabend in vollen Zügen genießen? Was, wenn es doch noch eine Möglichkeit gab zu entkommen, ein Schlupfloch im System? So lange hatte er an sich gearbeitet, an seiner Tarnung gefeilt, seiner Angst den Morgensport und emotionale Kasteiung entgegengesetzt. Es erschien ihm leichtfertig, eine unter Umständen vorhandene, aber noch nicht absehbare Chance durch nachlässiges Verhalten zu verspielen.

Er stand auf und ging ins Bad. Eiskaltes Wasser floss über seinen Körper.