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Jeder braucht ein Ventil, auch wenn nicht ganz klar ist, wer und was bei wem wie droht zu explodieren. Benny Adam, der Held meiner Kolumnenserie, ist auf jeden Fall mein Ventil.

Alle Illustrationen stammen von Sarah Morrissette. (sarahmorrissette.wordpress.com)

Viel Vergnüngen!

Arzt im Dienst - Benny Adam # 36

Die Ordination meiner geliebten Hausärztin ist seit Wochen geschlossen und sie entweder am Strand oder in einem Sanatorium. Leider habe ich Schmerzen in der Hüfte, gehe schief und schlafe schlecht. Als ich vor ein paar Tagen auf allen Vieren durch die Küche zu meinem Morgenkaffee gekrochen bin, meinte Sophie, dass ich entweder sofort zu dem neuen Arzt um die Ecke gehen solle, oder sie mich, wie ein lahmendes Pferd, von meinen Leiden befreien wird.

Mit dem Taxi fuhr ich die 800 Meter zur Ordination, brauchte eine halbe Stunde über die Stufen in den ersten Stock und saß kurz danach vor dem Mediziner.

Ich gestehe, ich habe ein Problem mit Ärzten. Warum soll ich mich jemandem anvertrauen, der in jungen Jahren so phantasielos war und Medizin studieren wollte, nur um später mit einem dicken Porsche und dem Schild "Arzt im Dienst" im Parkverbot stehen zu können?

Überhaupt ist das Geschäftsmodell der Ärzteschaft sittenwidrig. Der Berufsstand lebt davon, dass die Kundschaft leidet. Gesundheit macht die alle arbeitslos. Egal welche Krankheit, ein durchschnittlicher Arzt wird immer die gleiche Diagnose stellen: "Sie werden sterben, aber mit ein wenig Glück und viel Geld können wir ihr Ableben unwesentlich verzögern."

Wenn ich zu einem Arzt gehe, will ich aber folgendes hören: "Verehrter Herr Adam, diese Kleinigkeit hat jeder anständige Mensch in ihrem Alter. Machen Sie sich keine Sorgen, die Sache ist chronisch und kann mit den Tabletten, die ich ihnen verschreibe, wunderbar verdrängt werden."

Ein guter Arzt wird diesen Satz überzeugend vortragen und mit seiner ganzen Erscheinung den Eindruck erwecken, er würde selbst auch zu leben wissen. Eine Zeit lang bin ich überhaupt nur zu Ärzten gegangen, von denen ich wusste, dass sie auch starke Raucher waren. Als diese weniger wurden, trieb mich das Schicksal in die Hände meiner geliebten Hausärztin. Die mittelalterliche Dame, die immer mit einem schrottreifen VW Passat durch unsere Gegend kurvt, hat dicke, schwarze Ringe unter den Augen, schlurft gebeugt durch das volle Wartezimmer und wirft sich regelmäßig mit zittriger Hand eine Tablette ein. Für ausführliche Gespräche hat sie keine Zeit, dafür riecht es in ihrem Behandlungsraum heimelig nach Tee mit Rum. Wenn diese Frau noch einen Führerschein besitzt und sich aufrecht auf den Beinen halten kann, sollte das für mich kein Problem sein.

Nun saß ich aber vor einem vielleicht 35-jährigen Mann, der, ganz in weiß gekleidet, aussah, als würde er demnächst einen Ironman-Bewerb gewinnen und sich dann wieder in sein Kloster zurückziehen. Lächelnd meinte er, in meinem Fall sei es zielführender, doch gleich im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung eine grundlegende Diagnose meines Körpers vorzunehmen. Er reichte mir mehrere Fragebögen, ein Kuvert für die Stuhlprobe und eine kleine Eprouvette für den Urin über den Tisch. Den folgenden Donnerstag sollte ich mich gegen 10 Uhr morgens zur Blutabnahme einfinden. Nach dem Vorliegen der Laborbefunde, der Röntgenbilder und des Ultraschalls würde man alles Weitere besprechen.

Diese Vorgangsweise wird auch "Gesundenuntersuchung" genannt und soll den Patienten darüber hinwegtäuschen, dass er krank ist, sobald er auch nur anfängt, den Fragebogen auszufüllen.

Nicht mit mir, dachte ich, bezahlte das Taxi für den 800 Meter langen Heimweg und robbte unter Schmerzen die Stiegen hinauf zu meiner Wohnungstür. Daheim schluckte ich die letzten verbliebenen Schmerztabletten und nahm mir den Fragebogen vor.

Haben Sie Probleme beim Sehen?
Ich sehe wie ein neugeborener Falke. Nur die Buchstaben meiner Zeitung sind unleserlich, doch dort steht sowieso immer das Gleiche.

Haben Sie oder einer ihrer Blutsverwandten Diabetes?
Nein, die Adams sind extrem sauer.

Litten oder starben ihre Eltern an einem Herzleiden?
Meine Mutter war Agentin und mein Vater Kampftaucher. Sie starben mit 80 bzw. 85 Jahren im Kugelhagel bei einem Fallschirmsprung über Feindgebiet, weil die Aktion von einem ARZT verraten wurde.

Rauchen Sie? Nein, derzeit nicht. Wie viele Zigaretten rauchen Sie pro Tag?
Definieren Sie Tag.

Nehmen Sie Medikamente gegen Bluthochdruck?
Wozu?

Haben Sie in den letzten Wochen Schmerzmittel/Schlafmittel genommen?
Ein Indianer kennt keinen Schmerz.

Wie oft trinken Sie Alkohol? Nie / einmal im Monat / zwei- bis viermal im Monat / zwei bis dreimal pro Woche / viermal pro Woche oder öfter?
Das hängt von der Woche ab, aber meistens nie.

Fühlt sich ihr Zahnfleisch geschwollen an?
Mein Zahnfleisch ist meine Privatangelegenheit.

Während der letzten beiden Monate hatten Sie welche Erkrankung?
Gilt eine Erektion über zwei Stunden als Erkrankung?

Das war einfach. Natürlich habe ich hier und da der Wahrheit nachgeholfen. Zum Beispiel war mein Vater Betriebsleiter in einer Wurstfabrik und starb an einem Herzinfarkt, als er einem Arzt nachlief. Dass er mit dem Übergewicht überhaupt laufen konnte, war aber ein medizinisches Wunder. Meine Mutter lebt noch, ernährt sich jedoch ausschließlich von Tabletten.

Aufwendiger war es, die Zwillinge davon zu überzeugen, mir eine Stuhlprobe bzw. eine Urinprobe zu überlassen. Das hat mich jeweils 10 Euro gekostet und noch einmal 10, damit sie Sophie nichts erzählen.

Tage später stand ich auf Krücken gestützt und mit allen Unterlagen in der Hand vor dem Haus des Arztes. Die Vorfreude auf seinen betretenen Gesichtsausdruck war riesig. Nach einem kurzen Studium meiner Befunde hätte der Ironman-Mönch feststellen müssen, dass ich mit Krücken wesentlich gesünder bin als er ohne.

Ich hatte den Finger bereits auf dem Klingelknopf, als ein alter Mann mit Hund im Vorbeigehen meinte, das hätte keinen Sinn. Der Herr Doktor wurde gestern hier in der Nähe beim Joggen von einem alten VW-Passat angefahren. Der Fahrer konnte noch nicht ausgeforscht werden, aber der Herr Doktor kommt so schnell nicht wieder.

Freudig erregt und weitgehend schmerzfrei humpelte ich in Richtung meiner geliebten Hausärztin. Die nette Dame war offensichtlich wieder da.

*