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Jeder braucht ein Ventil, auch wenn nicht ganz klar ist, wer und was bei wem wie droht zu explodieren. Benny Adam, der Held meiner Kolumnenserie, ist auf jeden Fall mein Ventil.

Alle Illustrationen stammen von Sarah Morrissette. (sarahmorrissette.wordpress.com)

Viel Vergnüngen!

Wünsche - Benny Adam # 37

Schreckliche Gedanken lähmen meine Sinne. Es sind wenige Tage vor Weihnachten und ich sitze vor der aufgeschlagenen Zeitung.

Seite 1: Aufrüstung im Osten; Klimawandel unumkehrbar; Google weiß alles über mich; Eisbär ertrunken; Weltfrieden in Gefahr!
Seite 2: FPÖ sperrt Kinder ein; neue Krankheiten breiten sich aus; (Google weiß bereits, welche Krankheit ich habe!) Wale mit Plastik im Bauch angeschwemmt; Weltfriedenskonferenz unwahrscheinlich!!
Seite 3: Trump im Weißen Haus, Merkel in Pension; Bundeskanzler Kurz will seine Ausbildung abschließen; ohne Weltfrieden werden wir alle sterben!!! (kurzfristig Überlebende werden durch den Kometen und den Klimawandel hinweggerafft.)

Ok, die Meldung betreffend Österreichs Bundeskanzler ist ein Segen. Letztens kam der, um Minuten, jüngere Zwilling mit einer katastrophalen Mathematikschularbeit nach Hause. Mit rotem Kopf brüllte ich herum, dass er von der Schule fliegen wird. Der Zwilling nahm sich in aller Ruhe einen Joghurtbecher (Plastik!) aus dem Kühlschrank und meinte, er will eh nur Bundeskanzler werden.

Gut, das ist das eine. Wirklich beunruhigend sind aber diese Gedanken, die mich quälen, denn ich hatte einen Traum. Ich träume selten, doch wenn, sind es meist Albträume. Wenn ich Glück habe, wache ich mitten drin schweißgebadet auf und wecke Sophie, damit sie mich in den Arm nimmt.

Doch heute morgen war alles anders. Ich erwachte mit einem breiten Grinsen. Ich hatte geträumt, ich wäre mit zwei Frauen unter der Dusche gestanden. Wir hatten uns geküsst, berührt, geliebt. Eine der beiden Frauen war Sophie, die andere kannte ich nicht. Der Traum war ein fundamental positiver Rausch aus Liebe und Sex gewesen.

Nach dem ersten Schluck Kaffee lüftete sich mein rosaroter Morgenschleier und düstere Wolken zogen auf. Ist es wirklich mein innigster und bis jetzt unterdrückter Wunsch, mit zwei Frauen unter der Dusche zu vögeln? Google-Datenklau, Weltfriedensbruch, Seuchen, Eisbären in Gefahr, und alles, was meinen Geist beschäftigt, ist der Wunsch nach Extase unter der Dusche?

Was bedeutete dieser Traum in Zeitalter von MeToo? Rückt er mich in die Nähe ausbeuterischer Filmproduzenten? Ist das von mir gepflegte Selbstbild eines aufrecht pinkelnden Feministen, eines grünen Unkrautzupfers und Familienvorstandes ohne eigenes Einkommen Lug und Trug?

Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich mir die Frage stellen: Benny, wer bist du? Ein Scharlatan, ein Monster?

Und was, wenn dieser Traum je wahr werden würde? Sophie würde nur unter heftigstem Protest mit mir und einer dritten Person duschen. Noch Wochen später würde sie mir Vorwürfe machen, dass unsere Dusche nicht schön genug und zu eng für Besuch ist, bzw. dass ich "die andere Frau" mehr geküsst und gestreichelt hätte.

Und was wäre mit dieser anderen Frau nach der Dusche passiert? Reicht man sich dann das Handtuch weiter, föhnt sich gemeinsam die Schamhaare und drückt sich gegenseitig einen Pickel aus? Was, wenn diese andere Person den Bundeskanzler gewählt hat, einen SUV fährt, Google toll findet und einen Eisbärenpelzmantel trägt, während sie den Joghurtplastikbecher auf der Anrichte stehen lässt?

Aber es geht noch schlimmer. Was wäre, wenn Sophie auf meinen geheimen Wunsch eingehen, sich aber mit einer geradezu diabolischen Phantasie an mir rächen würde? "Lieber Benny, ich möchte, dass du in deinem löchrigen, grünen "I like die Grünen Hernals"-Pyjama vor dem Bett sitzt und zusiehst, während mich zwei gut gewachsene Burschen vom Ring Freiheitlicher Studenten beglücken.

So einfach wird aus einem anfangs unschuldig glücklichen Morgenkaffee mit Zeitung eine Geisterbahnfahrt des Schreckens.

Ich sitze also da, in meinem löchrigen Pyjama, habe zitternd den halben Kaffee verschüttet, kann keinen Bissen meiner sonst so geliebten Buttersemmel hinunter würgen, als sich Sophie nichtsahnend und gut gelaunt in ihrem kurzen Nachthemd auf meinen Schoss setzt. Ganz kokett sieht sie mich an, rutscht ein wenig auf mir herum und fragt mich, während sie mir die Arme auf meine Schultern legt, was ich mir zu Weihnachten wünsche. Ich soll nur sagen, was ich wirklich will, meint sie blinzelnd.

Mir wird plötzlich heiß und wieder ganz kalt. Ich versuche zu lächeln, aber es gelingt mir nicht. Schweißtropfen bilden sich auf meiner Stirn. Ist das eine Falle? Hat mich Google verraten? Wie kann ich das Ruder noch einmal herumreißen? Sophie sieht mich erstaunt an.

"Weltfrieden!", sage ich viel zu laut. "Alles, was ich mir wünsche, ist Weltfrieden!"

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